Auf den Stufen des Gänseliesels in Göttingen sitzt eine leger gekleidete Frau und genießt ein Eis in der Sonne. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, strahlende Sonne, das alte Rathaus mit dem Brunnen und dem Gänseliesel, das bunte Treiben in den umliegenden Cafes. Klick. Noch einmal: klick. Und da aller guten dinge drei sind und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick.
Die Frau ist mit ihrem Eis fertig und möchte genüsslich eine Zigarette rauchen. Bevor sie ihr Feuerzeug aus der Tasche angeln kann, hält ihr der eifrige Tourist schon sein Feuerzeug unter die Nase und fängt ein Gespräch an.
»Haben Sie auch gerade frei und genießen das schöne Wetter?«
Kopfschütteln der Frau.
»Ah, Sie verbringen wohl Ihre Mittagspause hier?«
Kopfschütteln der Frau.
»Ach, dann sind Sie Hausfrau und gerade dabei, Besorgungen zu erledigen?«
Kopfschütteln der Frau, steigende Verunsicherung des Touristen.
»Sie sind ja nicht sehr gesprächig, fühlen Sie sich nicht wohl?«
»Ich fühle mich großartig«, sagt sie, »ich habe mich nie besser gefühlt.«
Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: »sind Sie etwa arbeitslos?«
Die Antwort kommt prompt und knapp: »Ja.«
Sie raucht weiter. Der Fremde setzt sich kopfschüttelnd neben sie auf die Stufen, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen.
»Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen«, sagt er, »aber wenn sie sowieso hier an diesem touristisch attraktiven Ort rumsitzen, könnten Sie sich doch als Fremdenführerin anbieten. Sie könnten am Tag bestimmt zwei, drei, vielleicht sogar vier mal Grüppchen von Touristen herumführen und ihnen das wunderschöne historische Göttingen zeigen.«
Sie nickt.
»Sie würden«, fährt der Tourist fort, »nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal eine Führung machen können. Damit könnten sie viel Geld verdienen. Sie könnten eine Ich-AG aufmachen.«
Die Frau schüttelt den Kopf.
»Sie könnten in spätestens einem Jahr einen Souveniershop aufmachen, in zwei Jahren einen zweiten und in drei oder vier Jahren vielleicht ein Reisebüro. Eines Tages würden Sie zwei Reisebüros haben«, die Begeisterung verschlägt ihm für einen Moment die Sprache, »Sie würden eine Reisebürokette haben, sie könnten sich an einer kleinen Fluggesellschaft beteiligen, mit einem eigenen Privatjet ihre Reiseziele begutachten und per mail und Handy Anweisen an ihre inzwischen zig Angestellten in der ganzen Welt geben, und dann... «, wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache.
Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf das bunte Treiben der Menschen. »Und dann«, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache. Die Frau klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. »Was dann?« fragt sie leise.
»Dann«, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, »dann können Sie beruhigt hier an Gänseliesel sitzen, die Sonne genießen und ihr Eis essen.«
»Aber das habe ich ja gerade getan«, sagt die Frau, »ich sitze hier, genieße die Sonne und mein Eis. Nur Sie haben mich dabei gestört.«
Erwerbslosen-Frühstück im Juzi
Jeden ersten Dienstag im Monat, um 10.30 Uhr