Studis in sozialen Zentren? |
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Heute noch sozial gut drauf - morgen dem System verkauft?
Im folgenden soll gezeigt werden, was StudentInnen mit einem sozialen Zentrum zu tun haben können - oder auch umgekehrt: was im Bildungsbereich auch für ein soziales Zentrum interessant sein könnte. Ein soziales Zentrum scheint schließlich auf den ersten Blick nicht viel mit den Alltagssorgen und Nöten der Studierenden zu tun zu haben. Andersherum sieht es genau so aus: was interessiert die StudentInnen zum Beispiel das Arbeitslosengeld oder allgemeiner: die Hartz-Reformen [1]? Die von diesen Maßnahmen Betroffenen haben nur zu 4,7% [IAB] einen Hochschulabschluß. Wozu mehr tun als Lobbyarbeit, da man ja sowieso schon bald mit solcherart Leuten wie prekär[2] Beschäftigten, Arbeitenden im Niedriglohnsektor und Arbeitslosen nichts mehr zu tun haben muß. Es scheint also erst einmal seltsam zu sein, auch noch GymnasiastInnen und Studis in ein soziales Zentrum integrieren zu wollen, abgesehen von denen, die sowieso schon klar haben, daß der Kampf aller gegen alle abgeschafft werden sollte zugunsten eines solidarischen Kampfes miteinander, unabhängig von sozialem Status, Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung usw.
Heute noch sozial gut drauf - morgen dem System verkauft? |
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Wenn StudentInnen politische Initiative ergreifen wollen, mutet das meist wie das Gutmenschentum von bürgerlichen Töchtern und Söhnen an - die Elite darf sich nochmal romantischen Träumereien hingeben um schließlich doch zu erkennen das es anders als mit Realpolitik nicht geht. Doch die Sache sieht anders aus.
Die Situation aus der heraus StudentInnen handeln hat einige Gemeinsamkeiten mit der der Lohnabhängigen - schließlich gehören 65% [BmBF] der Studierenden - zumindest gelegentlich - dieser Gruppe an. 23% unter den gut 2,5 Millionen Teilzeitarbeitenden [BmBF] sind StudentInnen. Dieser Sektor ist nun sehr wohl von den Ideen der Bundesregierung betroffen. In diesem Sektor, der oft wenig qualifiziertes Personal benötigt wird durch PSA [3] Lohndruck aufgebaut, Arbeitskraft wird durch Zwangsarbeitsmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit [4] noch einfacher und billiger zu bekommen sein, und weiterhin wird durch andere Regelungen [5] der Anteil der prekär Beschäftigten weiter steigen. Da kaum zu erwarten ist, daß Förderungen nach BAFöG [6] und ähnlichem steigen werden, die Kosten für Lebenshaltung und Studium (zum Beispiel durch Studiengebühren) das aber sicher tun werden, ist zu erwarten, daß der Anteil der jobbenden StudentInnen weiter steigen wird. Der Organisierungsgrad dahingegen, sowohl der arbeitenden StudentInnen, als auch der der Prekarisierten ist eher gering und die Bereitschaft sich für bessere Bedingungen einzusetzen noch viel geringer. Einerseits sind die Bedingungen erschwert: Eine hohe Fluktuation läßt kaum auf langen Atem hoffen. Andererseits ist der Wille aktiv was zu machen nicht so leicht zu wecken. Schließlich wird der Zustand nur als vorübergehend angesehen, rauszufliegen ist nicht schwer, einen neuen, einigermaßen akzeptablen, Job zu finden hingegen schon. Hier könnte ein soziales Zentrum ein Ort sein, der zumindest etwas mehr Austausch und Kontinuität im Widerstand ermöglichen könnte.
Elite war vorgestern |
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Nach dem Studium ist der Sprung in die Elite aber weiterhin in der Regel nicht zu erwarten. Schließlich besitzen fast 10% der Bevölkerung der BRD einen Fach- oder Hochschulabschluß, doppelt so viele wie vor zwanzig Jahren [BA]. Seit 1961 gibt es gut 5-einhalb mal mehr AkademikerInnen unter der erwerbstätigen Bevölkerung - und der Bedarf an qualifizierter Arbeitskraft wächst [BA]. Das heißt nicht, daß das die Löhne ebenfalls tun: die Reallöhne sind zumindest seit Mitte der 80'er nicht mehr gewachsen. Arbeitslose AkademikerInnen sind auch noch zu was nütze, denn die erhöhen den Druck auf die, die noch bezahlte Arbeit verrichten und werden in der Regel vom Staat hergestellt, der ja schließlich auch gerne auf den »Standortfaktor: qualifizierte ArbeiterInnen« verweist. Auch die Einsatzbereiche der AkademikerInnen haben sich verändert, konnte mensch früher noch daran Glauben, daß mit Studium eine schon automatisch mindestens zum AbteilungsleiterIn berufen ist, wird heute zunehmend in der sozialen Hierarchie niedrigergestellte Arbeit mit Studierten besetzt. So wird heute statt eines MeisterIn eine Diplom-IngenieurIn eingestellt. Lohnarbeit wird akademisiert, AkademikerInnen proletarisiert. Nun soll hier nicht der Gelegenheit nachgetrauert werden auch zur Elite zu gehören, also auch Verfügungs- und Entscheidungsgewalt in diesem Schweinesystem zu besitzen. Vielmehr sollten Anregungen für Aktionsfelder eines sozialen Zentrums gegeben werden.
Zu schwach zum faul sein |
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Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist die Selbstausbeutung, die in diesem Bereich stattfindet. So sind HiWis an ihrem Arbeitsplatz kaum abgesichert oder organisiert und arbeiten oft als »freie Mitarbeiter« ohne Vertrag und auf Honorarbasis. In der Regel als Studentische Hilfskräfte nicht nach Bundes-Angestellten-Tarif bezahlt, gelten lediglich die Richtlinien der Tarifgemeinschaft der Länder, die nur definieren worauf es keinen Anspruch gibt. Die meisten HiWis sind ihrem Chef, Prof und PrüferIn in der Regel dann noch sehr dankbar für diesen Job und nehmen sich selbst als Arbeitende kaum war - hinzu kommen dann noch Vorschläge, wie hier in Göttingen, vorher bezahlte Arbeit, wie Klausurenkorrekturen ehrenamtlich erledigen zu lassen - Lohnarbeit ohne Lohn. Auch die ca. 14 Stunden in der Woche, werden schnell zu viel mehr, denn viele HiWis leisten unbezahlt massig Überstunden, wenn sie ihren KommilitonInnen gerne Hilfen im immer stressigeren Studium geben wollen (zumindest in den Naturwissenschaften werden aus 90 Minuten Übungsstunde sehr schnell 120). In den für den Arbeitsmarkt weniger interessanten Geisteswissenschaften, werden solche Selbstausbeutungsmöglichkeiten in der Regel gar nicht erst angeboten, schon gar nicht nach den neuesten Sparbeschlüssen.
Deutscher Arbeitswahn |
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Doch hier hört der Arbeitswahn noch lange nicht auf: die Diplom- oder Doktorarbeit wird oft gleich auf industrielle Relevanz überprüft und dieser dann auch für Lau zur Verfügung gestellt, schließlich hat mensch die Ehre, dass betreffende Firma sich um eine und für eine Diplomarbeit sorgt. Geld gibts für Diplomarbeiten in der Regel nicht und für Doktorarbeiten gibts eine halbe Stelle - wobei hier 8h am Tag das allermindeste sind, was erwartet wird. Die Betroffenen reden sich in der Regel ein, dass das auch noch Spaß macht und das es ja auch eine Ehre sei unseren Standort Deutschland nach vorne zu bringen - was sollte denn schließlich aus unserer uralten Wissenschaftstradition werden, wenn diese Amis mit ihren blöden inches, gallons und kalorien uns noch ganz und gar im Wissenswettstreit besiegen würden. Dass diese vermeintlich gebildeten Leute sich damit in beste Deutsch-Nationale Elitentradition stellen ist nur ein weiterer Beweis für den alltäglichen Nationalismus in diesem Land. Eine weitere offene Flanke für das soziale Zentrum. Nicht nur der Göttinger AStA greift diese Haltung bereitwillig auf und mobilisiert große Teile der Studierenden zu Demonstrationen für den Standort Göttingen. An der zukünftigen Elite - und da ist das Bewußtsein der Masse der StudentInnen stehen geblieben - bei seinesgleichen zu sparen wäre ja Unsinn.
Zu blöd zum faul sein? |
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Von diesem Bewußtsein befangen oder materiell gezwungen, büffelt der größte Teil der Studis drauf los. Die Durchschnittsstudienzeit ist zum Beispiel bei den PhysikerInnen in den letzten 10 Jahren um ganze 2 Semester gesunken [?]. Da die 12,4 Semester (10 Semester sind Regelstudienzeit) aber immer noch zu viel sind und noch zu viel unverwertbares Zeug gelernt wird, wird nun umgestellt.
Wiedermal Bologna |
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Die voranschreitende Umgestalung des Hochschulalltags und die Ideologie in der die ganze Sache verpackt wird, zeigt sich am deutlichsten in der Erklärung von Bologna [Bol]. Die wesentlichen Punkte der Erklärung von Bologna, deren Zieljahr 2010 sicher nicht ganz zufällig mit Agenda 2010 zusammenfällt, sind im folgenden aufgezählt:
Hier wird versucht eine europäische Identität zu konstruieren. Die wird dann noch mit dem Standort verknüpft und als Vorraussetzung für eine blühende wirtschaftliche Entwicklung angesehen - Gefährlich! Aber wie soll sonst unbedingte Verwertbarkeitsbereitschaft europaweit den Lohnabhängigen erklärt werden?
Dass Bildung eine Ware ist, sollte längst klar sein. Anscheinend ist sie aber noch nicht gut genug kontrollier und handhabbar. Durch diese Maßnahmen kann Bildung nun auch wesentlich besser zu Kapital werden.
Das wird in der Regel im Bachelor-Master-System umgesetzt werden. Dabei wird wahrscheinlich angestrebt, daß die meisten (ca. 70%) Menschen sich mit dem Bachelor zufrieden geben sollen. Das sollte auch den Konkurrenzdruck unter den Studienden erhöhen.
Zielsetzung ist 2010 all diese Punkte umgesetzt zu haben. Dazu gab es noch weitere Treffen 2001 in Prag und vom 18.09.-19.09.2003 in Berlin (Berlin Communicue). Das heißt wohl nichts anderes als das die Hochschulen freie Hand haben, so lange sie das tun was sich die Minister vorgestellt haben. Ansonsten wird eher gelten: »Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt«. Ein paar Punkte, die in Prag noch hinzugefügt wurden:
Bis 2005 werden dann Berichte von den inzwischen 40 beteiligten Ländern über den Fortschritt des Umsetzungsprozesses erwartet.
Damit sollte klar sein, wieviel Luft den Studenten in der Hölle noch bleiben wird.
Ein Dankeschön geht an die FAU Leipzig, die ihren Vortrag »Über die Frage gewerkschaftlicher Organisierung von Studierenden« zur Verfügung gestellt hat.
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