Flüchtlinge abgeschoben

nachdem gestern bereits fünf der flüchtlinge abgeschoben worden sind, wurden heute morgen weitere 27 mit einer maschine der ghana airways abgeschoben. fünf leute konnten wohl nicht abgeschoben werden, (weil sich sich widersetzten?).

Ein Agenturbericht berichtet von Spannungen am Schalter des check-ins für den Flug von Ghana-Airways in Rom, einige "spintoni" hat es wohl zwischen den "Disobbedienti" (Ungehorsamen) und der Polizei gegeben. Die Abgeordneten der Rifondazione comunista, Graziella Mascia und Giovanni Russo Spena baten, einen Besuch im Innern des Flughafens machen zu können, um Informationen zu den 31 Flüchtlingen der Cap Anamur zu bekommen. Es war ihnen nicht gestattet worden.

hier zwei aktuelle pressemeldungen dazu

Unten presseberichte aus ital. u. dt. presse von gestern
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22.07.2004/ 11:30 märkische allgemeine:
27 weitere "Cap Anamur"-Flüchtlinge abgeschoben Rom (dpa) - Italien hat 27 weitere Flüchtlinge der "Cap Anamur" abgeschoben. Bereits gestern waren fünf der insgesamt 37 Afrikaner in ihre Heimatländer geflogen worden. Wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA meldet, bringt eine Maschine der Ghana Airways die 27 Abgeschobenen nach Accra. Vier weitere Afrikaner seien im letzten Moment aus dem Flugzeug geholt und weggefahren worden, heißt es. Der Grund war zunächst unklar. Medienberichten nach haben sich mehrere der Flüchtlinge gegen ihre Abschiebung gewehrt.

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NEWS /
baseler zeitung

letzte Änderung: 22.07.04 11:19

27 weitere "Cap-Anamur"-Flüchtlinge abgeschoben

Rom. DPA/BaZ. Italien hat am Donnerstag 27 weitere Flüchtlinge abgeschoben, die am Montag der Vorwoche an Bord des deutschen Hilfsschiffs "Cap Anamur" in Sizilien angekommen waren. Bereits am Mittwoch waren 5 Cap Anamur-Flüchtlinge per Flugzeug von Rom aus in ihre afrikanische Heimatländer gebracht worden. Die Maschine der Ghana Airways mit 27 abgeschobenen Afrikanern an Bord sei am Donnerstagmorgen in Richtung Accra abgeflogen, berichtete die italienische Nachrichtenagentur ANSA. Vier weitere Afrikaner seien im letzten Moment aus der Maschine geholt und weggefahren worden, hiess es. Der Grund war zunächst unklar. Den Medienberichten wehrten sich mehrere der Flüchtlinge gegen ihre Abschiebung. Sicherheitsbeamten hätten eingreifen müssen. Zudem hätten einige Demonstranten lautstark gegen das Vorgehen der italienischen Behörden protestiert.Die Asylgesuche der Afrikaner waren am vergangenen Wochenende abgelehnt worden. Nur einer der Flüchtlinge bekam zunächst die Erlaubnis, in Italien zu bleiben. Die Männer, die von der Cap Anamur südlich von Sizilien aus Seenot gerettet worden waren, hatten zunächst angegeben, aus der sudanesischen Krisenprovinz Darfur geflüchtet zu sein. Die italienischen Behörden erklärten jedoch, die Männer kämen aus Nigeria, Niger und Ghana.

*****italienische + deutsche presse von gestern *****

Der Versuch der Cap Anamur die "angeblichen Flüchtlinge" in Italien an Land gehen zu lassen war kein Zufall. Die deutsche Organisation versuchte in der Tat die "maximale Werbung" durch die "Schüren der Medienaufmerksamkeit, von denen sie sich als fähige Manipolatoren erwiesen haben". Während der "question time" hat Innenminister Pisanu das zitiert, was der Untersuchungsrichter bei der Bestätigung der Festnahme der drei verantwortlichen Deutschen des Schiffs geschrieben hat. Genau angesichts der rechtlichen Rekonstruktion der Angelegenheit ist also "bereits klar warum ein Schiff, das unter deutscher Flagge fährt, einer deutschen Organisation angehört und von einem Deutschen kommandiert wird, alles getan hat, um die 37 angeblichen Flüchtlinge in Italien und nicht stattdessen im eigenen Land, Deutschland, nicht in Libyen, die Nation (das Land) von dem die Flüchtlinge losgefahren sind, nicht in Malta, erster europäischer Ankunftsort nach der Rettung." Die "mediatische Überschwang", gewollt und gesucht von den Verantwortlichen des Schiffs, meint Pisanu, "hat Italien als das schwächste Segment (den schwächsten Teil) der europäischen Küste gegenüber Millionen von Verzweifelten präsentiert für die Millionen von Verzweifelten die auf der afrikanischen Seite des Mittelmeers sich drängen (oder: Druck machen, Anm.AH) und, noch schlimmer, die kriminellen Organisationen die sie erbarmungslos ausbeuten". Und der "Kommandant des Schiffs, nachdem er die Migranten vor den maltesischen Behörden versteckt hat", unterstrich der Verantwortliche des Innenministeriums, "hat wiederholt die italienischen Behörden belogen."
ANSA, 21.Juli, 2004, 15:26

Die Normen zur illegalen Einreise in unserem Land sind von der Regierung mit "Einsicht und zuverlässigen Respekt der Menschenrechte der heimlichen Migranten, auf die wir die Europäische Union als allererste aufmerksam gemacht haben. Was die Aufnahme von Migranten betrifft", beobachtete der Verantwortliche des Innenministeriums, "steht Italien niemandem nach und wir können also unsere Gesetze mit der Härte(Strenge) walten lassen, die nötig ist, um Instrumentalisierungen zu verhindern, die direkt oder indirekt für die Sicherheit und öffentliche Ordnung in unserem Land gefährlich sind."
(Mac/Gs/Adnkronos) 21. Juli 2004, 15:14

"Unerklärlicherweise hat die Polizei nicht mit uns zusammengearbeitet mit uns, wo doch in diesen Situation immer ein Klima der Zusammenarbeit mit den Ordnungskräften geherrscht hat." So die UNHCR-Sprecherin Laura Boldrini, die den ganzen Morgen auf dem Flughafen Fiumicino verbracht hat vergeblich versuchend zu erfahren, was mit den 22 Immigranten der Cap Anamur passiert, die von Caltanisetta nach Rom transferiert worden waren. "Seit heute morgen versuchen wir mit dem Innenministerium Kontakt aufzunehmen," erklärte Boldrini, "aber wir haben mit niemandem sprechen können. Ich selber habe in Fiumicino mehrmals versucht mit den Verantwortlichen der Ordnungskräfte zu sprechen, um den Zeitpunkt der Landung der Flugzeuge aus Catania herauszufinden, aber man hat nicht mit mir sprechen wollen." "Es ist eine wahrlich ungewöhnliche Situation, um die Wahrheit zu sagen. Auch jetzt", schloss die Sprecherin, "sind wir gar nicht sicher, dass (ob) die 22 wirklich den Flughafen verlassen haben, um nach Ponte Galeria zu fahren."
(ANSA) 21.7.04 16:18

Repubblica, 21.7. 16:17 "Es gibt zwei Millionen Menschen von "poveracci" (arme Kerle) in Libyen, die darauf warten loszufahren." Das sagte Innenminister Giuseppe Pisanu am Rande seines Beitrags im Parlament. "Und es gibt", fügte er hinzu, "einige Hundert von Kriminellen, die perfekt organisiert sind und darauf warten, irgendeine carretta (wörtl: Karre) zu nehmen. Diese kleinen kriminellen Organisationen nehmen 2,5 Milliarden Euro von den heimlichen Einwanderern ein."
Übersetzungen: Angela Huemer

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Erst gerettet, jetzt abgeschoben In einer halblegalen Nacht-und-Nebel-Aktion hat Italien 5 der 37 Schiffbrüchigen der "Cap Anamur" abgeschoben. 22 weitere in Abschiebecamps.
Schily verteidigt Auffanglager in Afrika

ROM/BERLIN taz 5 der 37 Afrikaner, die mit der "Cap Anamur" nach Italien gelangt sind, wurden gestern in einer Eilaktion nach Nigeria abgeschoben.
Dies bestätigte die Parlamentsabgeordnete Elettra Deiana (Rifondazione Comunista) der taz. Das italienische Innenministerium vollzog die Abschiebung, obwohl am Dienstag zwei Rechtsanwälte Widerspruch gegen deren Vollzug eingelegt hatten. Damit wurde den fünf Abgeschobenen - die auch ihre Rechtsanwälte nicht kontaktieren konnten - jenes richterliche Gehör versagt, das vom Verfassungsgericht mit einem Beschluss der letzten Woche zwingend vorgeschrieben wurde. Das Innenministerium machte sich dabei die Tatsache zunutze, dass das Urteil noch nicht im Amtsblatt publiziert ist.
Zugleich schafften die Behörden gestern Morgen auch jene 22 Afrikaner, für die die Asylkommission eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen empfohlen hatte, ins Abschiebelager Ponte Galeria bei Rom. Diese Aktion wurde von der Polizei im gleichen Stil durchgezogen, in dem die Behandlung der insgesamt 37 Afrikaner seit ihrer Landung am Montag letzter Woche erfolgte: Die Anwälte, der Italienische Flüchtlingsrat und auch die italienische Vertretung des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge wurden bis zuletzt in Unkenntnis über den Verbleib der 22 gehalten. Innenminister Giuseppe Pisanu stellte dann gestern Nachmittag in der Fragestunde des Abgeordnetenhauses klar, dass auch sie Abschiebekandidaten sind: Für "keinen der angeblichen Flüchtlinge" seien die Bedingungen gegeben, um von der Anwendung des Ausländergesetzes - sprich: von der Ausweisung - Abstand zu nehmen. Der Innenminister kündigte damit unmissverständlich an, dass er sich auch über die Empfehlung der Asylkommission hinwegsetzen will.
Unterdessen versuchte das Bundesinnenministerium gestern, die Debatte über Auffanglager für Flüchtlinge in Nordafrika zu entschärfen. Schily hatte am Montag in Brüssel erklärt, dass die Einrichtung von Flüchtlingszentren in Nordafrika geprüft werden sollte. Zu den Lagern sollten EU-Beamte Zutritt haben, um Asylanträge zu prüfen. Sprecher Lingenthal sagte, das Flüchtlingselend auf dem Mittelmeer sei eine Herausforderung. Der Minister habe auch den Ausbau der Seenotrettung vorgeschlagen. In den Lagern sollte die Genfer Flüchtlingskonvention gelten. Daher widerspreche der Vorschlag nicht der EU-Flüchtlingspolitik. Das UN-Flüchtlingshilfswerk reagierte mit Skepsis. Flüchtlingszentren auf Territorien, die nicht zur EU gehörten, dürften rechtlich problematisch sein, sagte Sprecher Rupert Colville in Genf. In Nordafrika sei zudem die Europäische Menschenrechtskonvention nicht anwendbar. Deshalb hätten die Bewerber nicht die gleiche Rechtssicherheit wie in Europa.
MICHAEL BRAUN

Asyllager in Afrika: Schily bleibt dabei Der Innenminister reagiert auf Kritik an seinem Vorschlag wie gewohnt: Wenn nicht heute, dann vielleicht später? BERLIN taz Es ist eine typische Schily-Debatte. Mit seinem Vorschlag, Auffanglager für Asylbewerber in Afrika zu errichten, hat es Innenminister Otto Schily (SPD) wieder einmal geschafft, Freund und Feind zu überraschen. Der Verlauf der Diskussion erinnert an Schilys Forderung nach einer Sicherungshaft für terrorverdächtige Ausländer. Genau wie damals reagiert der grüne Koalitionspartner entsetzt, die SPD skeptisch, die CDU interessiert und die CSU begeistert.
Und genau wie damals verhält sich Schily auch in der Asylcamp-Diskussion nach bewährtem Muster: Erst einen radikalen Vorschlag machen. Dann ein bisschen relativieren - damit sich die eigenen, rot-grünen Leute nicht gar so sehr erschrecken. Gleichzeitig aber weiter drüber reden - damit das Thema auf der Tagesordnung bleibt.
Für das Weiter-drüber-Reden ist Schilys Sprecher Rainer Lingenthal zuständig. Anders als andere, eher kurz angebundene Ministeriumssprecher ist Lingenthal stets bereit, die Ideen seines Chefs ausführlich zu erläutern. Gestern hatte er im Wesentlichen zwei Botschaften zu verkünden.
Erstens: Nein, ganz so schnell, wie es zunächst geklungen hatte, sollen die Asyllager in Afrika nicht kommen. Schily habe lediglich einen Beitrag zu einer "Ideensammlung" im EU-Ministerrat abgegeben. Dabei sei es darum gegangen, was "in den nächsten fünf Jahren" so ansteht. Schilys Beitrag, das ist bekannt, sieht so aus: Er kann sich Aufnahmelager in afrikanischen "Transitländern" vorstellen, um Flüchtlinge von gefährlichen Fahrten übers Mittelmeer quasi prophylaktisch abzuhalten. Selbstverständlich, so Lingenthal, müsste es in diesen Lagern rechtstaalich korrekt zugehen. Für jene Flüchtlinge, die trotzdem in Boote steigen, will Schily einen europäischen "Seenotrettungsdienst" einführen. Auf jeden Fall müsse man über mögliche Auffanglager in Afrika aber erst einmal in der EU reden, betonte Lingenthal. Womit er Botschaft zwei deutlich machte: Ja, Schily hält natürlich an seinem Vorschlag fest. Und so kann die Debatte weitergehen.
Asyllager in Afrika sind ja auch eine "vernünftige Idee", wie Bayerns Innenminister Günther Beckstein findet. Flüchtlinge sollten in ihrer Region versorgt werden, "um ihnen nicht eine Flucht um die halbe Welt zuzumuten", so Beckstein. Sein CSU-Parteifreund Wolfgang Zeitlmann zeigte sich ebenfalls angetan - und mitfühlend: "Man sollte die Menschen in ihrem Kulturkreis belassen", sagte Zeitlmann, "statt sie unserem Rechtssystem auszusetzen." LUKAS WALLRAFF

taz Nr. 7415 vom 22.7.2004, Seite 6, 83 Zeilen (TAZ-Bericht), LUKAS WALLRAFF
"Schiffe sind keine Asylzwischenlager" Der Fall der "Cap Anamur" zeigt auch ein Dilemma der kommerziellen Schifffahrt, sagt der Reeder Matthias Reith taz: Herr Reith, Sie sind am Dienstag gemeinsam mit Cap Anamur bei einer Pressekonferenz in Berlin aufgetreten. Welches Problem macht der Fall aus Ihrer Sicht deutlich?
Matthias Reith: Ich als Reeder sehe für die gewerbliche Schifffahrt ein Problem. Laut internationalem Recht sind Kapitäne verpflichtet, Flüchtlinge in Seenot zu retten. Außerdem ist es seemännische und humanitäre Tradition. Doch die Länder, in denen wir landen, können die Annahme der Migranten verweigern.
Passiert das oft?
Ich kenne dazu keine Zahlen. Aber der Fall "Tampa" vor Australien ist bekannt. Die Besatzung hat Menschen gerettet und musste die Besatzung tagelang an Bord behalten, 438 Menschen bei einer Schiffsbesatzung von ungefähr 20 Mann. Schiffe sind keine Asylzwischenlager. Dafür sind sie nicht ausgerüstet.
Aber irgendwann können die Schiffsbesatzungen die Flüchtlinge übergeben? Ja, aber es kam es vor, dass Schiffe lange warten mussten, bis alle Formalitäten geklärt sind. Schiffe kosten sehr viel, je nach Größe 2.000 bis 70.000 Euro pro Tag. Da steht das Wohl der Flüchtlinge gegen das Wohl der Unternehmen und es wird berichtet, dass deshalb Rettungen unterbleiben.
Was muss passieren?
Wir brauchen Rechtssicherheit. Bisher wird immer situativ entschieden, was mit den Flüchtlingen passiert. Die International Marine Organisation hat nach der Irrfahrt der "Tampa" Richtlinien beschlossen, nach denen die Länder Flüchtlinge von den Schiffen übernehmen müssen. Das ist sehr gut, kann aber nur ein erster Schritt sein, denn diese Richtlinien sind nur moralisch bindend, aber nicht rechtlich. Deshalb müssen die Richtlinien möglichst bald Gesetz werden. Innenminister Schily fordert Aufnahmelager in Nordafrika, um die Flüchtlinge von Europa fern zu halten. Eine gute Idee? Viele dieser Boote, mit denen die Afrikaner da ins Wasser gehen, sind vorprogrammierte Seenotfälle. Wenn dieses Sterben verhindert werden kann, dann muss man dies auch tun, indem verhindert wird, dass diese seeuntüchtigen Flüchtlingsfahrzeuge überhaupt losfahren.
Sind Lager in nichtdemokratischen Ländern dafür wirklich ein geeignetes Mittel? Ich kann als Schifffahrttreibender nur sagen, dass Tote verhindert werden müssen. Was in den Lagern passiert, ist Aufgabe der Politik. Und was an Land nicht geregelt werden kann, das kann man auf See erst recht nicht regeln.
INTERVIEW: DANIEL SCHULZ


taz Nr. 7415 vom 22.7.2004, Seite 6, 81 Zeilen (Interview), DANIEL SCHULZ Seefahrt mit These Ein Beitrag des NDR-Magazins "Panorama" über die "Geisterfahrt der Cap Anamur" gerät in die Kritik - er soll Fakten bewusst missachtet haben VON ARNO FRANK Auf ihrer medienwirksamen Irrfahrt durchs Mittelmeer, unter anderem in maltesischen Gewässern, lief die "Cap Anamur" mit ihren dubiosen Flüchtlingen an Bord schließlich unter den Augen der Welt Porto Empedocle an - so zumindest der Eindruck, der bei Zuschauern des NDR-Magazins "Panorama" vom 15. Juli entstanden sein muss.
Schwere Vorwürfe gegen den Redakteur des Beitrags, Michael Holthus, hat nun Martin Hilbert von der Kölner Filmfirma Aquino erhoben. Der Dokumentarfilmer ist über den Umgang mit seinem vor Ort an Bord gedrehten Material so empört, dass er sich - wie schon Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel - mit einer "offiziellen Programmbeschwerde" gleich an den Intendanten Jobst Plog wendete: "Mich hat entsetzt, wie mein Material […] in dem Beitrag inhaltlich entstellt wurde. Ich bin es nicht gewohnt, dass Einstellungen, die in einem bestimmten Zusammenhang stehen, wissentlich in einen anderen gestellt wurden", so Hilbert in dem Papier, das der taz vorliegt. Der Beitrag über die "Geisterfahrt der Cap Anamur" sei auf die These hin geschnitten worden, die Besatzung habe aus PR-Gründen mutwillig Zeit verstreichen lassen.
Seine Kritik illustriert Hilbert, der in Tunis selbst an Bord der "Cap Anamur" gegangen war und weite Teile der Fahrt "nicht nur begleitet, sondern auch journalistisch begleitet hat", anhand von sechs Beispielen. So werde u. a. in dem "Panorama"-Beitrag ein angebliches Besatzungsmitglied der "Cap Anamur" als O-Ton-Zeuge zitiert, das in Wahrheit als Übersetzer für Journalisten im Hafen gearbeitet und "insgesamt etwa 20 Minuten an Bord verbracht" hatte. Auch sei eine Karte eingeblendet worden, die einen Schlenker nach Malta zeigte, den es laut Hilbert nie gegeben hat: "Das kann ich mit meiner Mobilfunkrechnung beweisen, weil ich zu diesem Zeitpunkt über das italienische Netz vor Lampedusa mit meiner Frau telefoniert habe", 100 Seemeilen von Malta entfernt.
Auch habe der "martialische, zwölftägige Aufmarsch der italienischen Küstenwache" kaum Erwähnung gefunden: "Die standen mit dem Hubschrauber zwei Meter über der Brücke", so Hilbert zur taz. Kein unwichtiger Aspekt, war doch die psychische Zerrüttung der Flüchtlinge an Bord Grund für die Seenot, mit der Kapitän Stephan Schmidt das Anlaufen von Porto Empedocle begründet hatte. Was übrigens zunächst genehmigt, dann wieder verboten worden sei, so Hilbert: "Wir haben die O-Töne, wir haben den Funkverkehr."
Von einem medienwirksamen Einlaufen "jetzt, wo alle Kameras in Position sind" (O-Ton "Panorama") könne also keine Rede sein.
Und das, obwohl Hilbert und seine Kollegen dem "Panorama"-Team ihr komplettes Material zur Verfügung gestellt hätten. "Da fühle ich mich umgedreht", so Hilbert zur taz.
Der beschuldigte NDR-Redakteur Holthus sieht das anders und "die journalistische Sorgfaltspflicht gewahrt". Man habe mit dem Beitrag die Fahrt der "Cap Anamur" so objektiv wie möglich rekonstruieren wollen. Ansonsten verweist der Redakteur auf eine offizielle Stellungnahme seines Senders - zumal die "offizielle Beschwerde" von Martin Hilbert dem NDR noch gar nicht vorliege.

taz Nr. 7415 vom 22.7.2004, Seite 18, 107 Zeilen (TAZ-Bericht), ARNO FRANK Schily beharrt auf Lagern für afrikanische Flüchtlinge Nach Kritik von Kirchen, Flüchtlingsverbänden, Grünen und sogar der CDU spricht das Ministerium nur noch von einer "Idee" Innenminister Otto Schily (SPD) hat Vorschläge zur Errichtung von Asylbewerberlagern in Nordafrika konkretisiert und zugleich Kritiker beruhigt. Er habe nach der Rettungsaktion des Flüchtlingsschiffs "Cap Anamur" nur "Überlegungen" angestellt, sagte ein Sprecher. VON THOMAS MARON

Bundesinnenminister Otto Schily (ddp)

Berlin · 21. Juli · Ministeriumssprecher Rainer Lingenthal sagte "zur Einordnung" des Schily-Vorstoßes, der Minister sei sich darüber im klaren, dass zuvor hohe Hürden zu überwinden seien. Auch der Vize-Regierungssprecher Thomas Steg versicherte, die Bundesregierung habe "noch keine Festlegung" getroffen. Schily, so Lingenthal, sei mit den Vorschlägen nur einer Bitte der niederländischen EU-Präsidentschaft an die Innen- und Justizminister gefolgt. Diese sollten sagen, "was sie in den nächsten fünf Jahren auf der Agenda sehen". Die Kommission, sei am Zug, "Vorschläge zu erarbeiten".

Im Grundsatz hält Schily daran fest, Asylbewerber bereits vor den Grenzen Europas aufzuhalten, sie dort in Lagern unterzubringen, bis über ihren Antrag auf Asyl in einem europäischen Staat befunden wurde.

Einen ähnlich lautenden britischen Vorschlag habe Deutschland auf dem EU-Gipfel in Thessaloniki im Juni 2003 nur deswegen abgelehnt, weil Großbritannien sogar jene Flüchtlinge, denen die Einreise nach Europa bereits gelungen ist, in Lager außerhalb der Binnengrenzen zurückbringen wollte.

"Karussell des Elends"

Dies gehe Schily zu weit, so Lingenthal. Ihm gehe es um jene Flüchtlinge, die noch nicht über das Mittelmeer die EU erreicht hätten. Um diese vor dem Ertrinken zu bewahren und zugleich zu verhindern, dass zu viele Menschen "gegen das Gesetz" nach Deutschland gelangten, wäre ein deutlicher "Ausbau des Seenotrettungsdienstes" und die Errichtung solcher Lager hilfreich. Jeder sei aufgefordert, so Lingenthal, "das Karussell des Elends zu durchbrechen."

Lager in den südlichen Anrainerstaaten des Mittelmeers könnten jedoch nur auf der Grundlage internationaler Abkommen errichtet werden, sagte der Sprecher. Mit diesen Transitländern sei aber noch nicht gesprochen worden. Außerdem müsse die Genfer Flüchtlingskonvention eingehalten werden, "sonst wird es das nicht geben". Dem Minister sei bekannt, dass "die Lage der Menschenrechte in einigen dieser Staaten nicht unseren Vorstellungen entspricht - daran kann das ganze auch scheitern".

Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, hatte die Vorstellung "atemberaubend" genannt, Flüchtlinge beispielsweise in Libyen unterzubringen, dass vor kurzem noch als "Verbrecherstaat boykottiert" worden sei.

Für seine Vorstellungen erntet Schily nicht nur in den eigene Reihen, bei Kirchen und bei Flüchtlingsverbänden, sondern auch im Lager der Union wenig Beifall. Der stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion Wolfgang Bosbach (CDU) nannte sie "völlig unausgegoren". Lediglich Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) sprach von einer "vernünftigen Idee".

Die Bundesregierung erneuerte ihre Kritik an der umstrittenen Rettungsaktion der Hilfsorganisation "Cap Anamur". Kanzlersprecher Steg sprach von einem "sehr offensichtlichen Inszenierungscharakter".

FRANKFURTER RUNDSCHAU ITALIEN Fünf Flüchtlinge der Cap Anamur abgeschoben

Rom · 21. Juli · dpa · Fünf der 37 Afrikaner, die in der Vorwoche an Bord des deutschen Flüchtlingshilfsschiffes "Cap Anamur" Italien erreicht hatten, sind abgeschoben worden. Die Männer seien in der Nacht zum Mittwoch von Rom aus in ihre Heimatländer zurückgebracht worden, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Die fünf Afrikaner wurden abgeschoben, obwohl Rechtsanwälte Einspruch eingelegt hatten.

Insgesamt 14 Cap Anamur-Flüchtlinge waren am vergangenen Wochenende in ein Abschiebelager nach Rom gebracht worden. Am Mittwoch wurden 22 weitere Cap Anamur-Flüchtlinge nach Rom überstellt.

Die Männer hatten nach der Ankunft des Hilfsschiffes im sizilianischen Hafen Porto Empedocle politisches Asyl beantragt, das jedoch abgelehnt wurde. "Keiner von ihnen ist als Flüchtling einzustufen", sagte Innenminister Giuseppe Pisanu am Mittwoch in Rom. Die deutsche Hilfsorganisation habe nur ein Medienspektakel inszeniert, um einen möglichst großen Werbeeffekt zu erzielen, sagte Pisanu. Dies hat die Organisation mehrfach zurückgewiesen.