Dokumentation der Göttingen-Chronologie 2003 aus der Göttinger Drucksache Nr. 471, 473

Anmerkung: Die Göttinger Drucksache (GöDru) ist ein von einem Kollektiv unbestimmter Anzahl von RedakteurInnen, VerteilerInnen, ArtikelschreiberInnen, LeserInnen erzeugtes publizistisches Ereignis in Göttingen. Sie erscheint seit dem Golfkrieg 1991 wöchentlich bzw. zweiwöchentlich, um die Ereignisse in der Welt und besonders in Göttingen zu beobachten und zu kommentieren.

Rückblick 2003

Start

Am Anfang war der Wunsch im Kopf, das Jahr Revue passieren zu lassen. Der erste Eindruck: dieses Jahr war anscheinend besonders viel in Göttingen gelaufen. Irgendwann sind wir dazu übergegangen, Gödru und Einsatz zu Hilfe zu nehmen. Das Ergebnis seht ihr ja. Auf jeden Fall wollten wir euch das Ergebnis nicht vorenthalten. Dies ist bei weitem kein vollständiger Rückblick (in der Gödru steht auch nur das drinne, was wir schreiben, und dann gab es ja noch die wohlverdiente Sommerpause), und wir haben uns auch nicht die Zeit genommen im Infoladen zu recherchieren, wo bestimmt einige Flugblätter und Artikel aus Tageszeitungen archiviert sind (bitte um Nachsicht). Deshalb sind ganz unten noch einige Ereignisse aufgelistet, zu denen wir kein Datum hatten.
Wir geben auch keine Wertung von Sinn/Unsinn von Aktionen etc. ab, dieses sei jedem/jeder selbst überlassen. Z.B. wäre der erwähnte Infoladen im Juzi der geeignete Ort zum Nachlesen, dort findet ihr auch die Drucksache (die gesammelten Werke seit ihrem Bestehen), woraus wir die meisten Informationen haben. Dort gibt es übrigens auch tolle Bücher und Filme (das war der Werbeblock).
Wie gesagt, bei weitem nicht alles und wenn verkürzt wiedergegeben, gänzlich raus gelassen haben wir Veranstaltungen, Konzerte, OpenAir Kino und Solipartys, weil das der absolute Knaller ist, wie viel davon gelaufen ist und eine eigene Rubrik in der Drucksache erforderlich wäre. Raus gefallen sind auch die Aktivitäten der Gegenseite Stadt, Nazis etc. Wenn ihr was vermisst, könnt ihr es ja nach reichen/ergänzen.
Allgemein gab es eine hohe Reisefreudigkeit, die sich nicht nur auf Deutschland beschränkte und nicht selten dienten die vielen Vorbereitungstreffen auch gleich dazu, eigene Aktion zu planen: da gabs z.B. Anti-Nato-Demo München, Frankfurter Flughafen, Grenzcamp Köln, Anti-Lager-Camp in Fürth, Evian, Mittenwald, Magdeburg, Hamburg, Bremen, Erfurt, Jena usw. Außerdem gab es eine Demo in Worbis anlässlich der Gerichtsverhandlung gegen Cornelius wegen Verletzung der Residenzpflicht.
Dann gab es auch noch die mehr oder weniger alltäglichen »Widerstands«Geschichten wie z.B. Sprühereien, massiges Wildplakatieren, das Zerkratzen von armen alleingelassenen Polizeiwagen, Auseinandersetzungen mit Nazis/Burschis und dem sexistischen/rassistischen »Normal«zustand. Und wenn Mensch sich die andern Jahre anschaut? Muss er/sie feststellen auch dort war nicht weniger los.
13.01. Mit Hilfe von brennenden Weihnachtsbäumen wollte die »AG für ein heißes 2003« den niedersächsischen Wahlkampf und damit »den heuchlerischen Parlamentarismus« thematisieren und fackelte zwei Wahlwände ab.
24.01. Die Stufen vom Ratskeller werden in der Nacht mit Speiseöl behandelt, Grund Schill.
25.01. Schill in Gö. 150 bis 300 Leute empfangen ihn, unter anderem mit wohl platzierten Farbbeuteln und Beulen fürs Auto. Erste Knüppel-Attacke und Einsatz von Reizgas durch die Bullen. Nachdem er im Ratskeller verschwunden war, gab es noch eine Demo zu einem Geschäft, wo ein Anhänger Schills seinen Laden betreibt (Uhrenmacher Jung). Dort gab es einen erneuten Knüppel-Einsatz der Bullen inkl. Hund, der eine Person schwer verletzte. 7 vorläufige Festnahmen. Nebenbei verteilte eine Gruppe Pralinen an Passanten, die vorher bei dem piekfeinen Cafe Cron & Lanz entwendet wurden. Eine andere Gruppe, der es gelang, in Nähe von Schill, im schwer bewachten Ratskeller Kaffee zu schlürfen, äußerte ihren Unmut durch Parolen, Flugblätter und Konfetti. Fazit ihrer Aktion: zeitweiliges Anpassen an das bürgerliche Erscheinungsbild eröffnet Potential für weitere Aktionen. Später gibt es eine weitere Knüppelorgie der Bullen, als Schill den Ratskeller verlässt.
25.01. Party im BG-Geschichte-Raum und damit Beginn der Besetzung. Das ganze läuft unter 480 Std. (als Anlehnung an die 48 Std. Uni). Es finden Veranstaltungen, Diskussionen und Filmabende statt.
21.02. Wanderkundgebung zum Rathaus und zum Landkreis Gö mit 150 Leuten. Hintergrund sind die geplanten Massenabschiebungen von Roma und Aschkali.
23.02. Demo mit 400 TeilnehmerInnen. Es soll klar gemacht werden, dass die anstehenden Abschiebungen von Roma und Aschkali nicht widerstandslos hingenommen werden.
01.03. Antikriegsdemo
08.03. Internationaler Frauenkampftag mit einer Aktion zum Thema Frauen, Flucht, Illegalisierung und fetter Kuchentafel am Liesel.
20.03. 1500 bis 2000 Leute demonstrieren gegen den Kriegsbeginn im Irak. Anschließend Kreuzungsblockade Geismartor für 1 Std.
21.03. SchülerInnen-Demo mit 1000 Leuten, Eier und Böller gegen das Grünen-Büro und längerer Kreuzungsbesetzung Weender Tor.
22.03. Kundgebung mit 500 Leuten. Später wird eine Party der Stadt für ein sauberes »Göttingen« umfunktioniert und die Rede von Rechtsdezernent Mayer unterbrochen, um gegen den Krieg zu demonstrieren.
24.03. brennende Barrie auf einer Hauptstr. »gegen Krieg und Kapital« wurde auf den Asphalt daneben gesprüht.
Spaßguerilla-Aktion: der Ehrenfriedhof für Wehrmachtssoldaten wird für Bundeswehrsoldaten erweitert, dazu gibt es auch eine Fakemeldung in der Gödru.
25.03. Veranstaltung der Jungen Union zum Thema Krieg musste durch masssives Bullenaufgebot vor Störungen geschützt werden.
28.03. SPD-Büro wird kurzfristig besetzt, Pressemitteilungen werden gefaxt, Transpis raus gehangen, Wände und Büromöbel werden besprüht.
Nachmittags unangemeldete Demo mit 250 Leuten, nach der Auflösung der Demo und Abzug der Bullen wird eine Kreuzung kurz dicht gemacht, danach noch Spontandemo.
~ .04. brennende Barri auf der Kreuzung Kreuzbergring/Gosslerstr. Auf der Straße gesprüht die Parole: BG Raum bleibt!
03.04. Blockade der Linos A.G. (u.a. Zulieferer von Rüstungsfirmen) mit 60 Leuten, einem Inspektionsteam wird der Zutritt durch die Sheriffs verweigert.
05.04. Kundgebung mit 150 Leuten, danach Demo mit 80 Leuten wegen Krieg, nachmittags wird für 40 min. ESSO blockiert. weil sie exklusiv US-Militär mit Treibstoff beliefern.
28.04. Besetzter Asta (die Besetzung war vom BG-Geschichte-Raum auf den gesamten Asta ausgeweitet worden) von massivem Bullenaufgebot in den frühen Morgenstunden geräumt. 4 Leute wurden angetroffen und verhaftet. Offenbar sollte eine Räumung eher und zu einer anderen Uhrzeit statttfinden, um so viel BesetzerInnen wie möglich anzutreffen, aber es gab wohl Schwierigkeiten genügend Bullen zusammen zu kriegen. Obwohl die Bullen über einen Generalschlüssel verfügen, werden alle Türen aufgebrochen. Tagelang wird Göttingen von den Sheriffs belagert.
29.04. Spontan-Demo gegen die Räumung des Asta.
Außerdem war Schünemann, neuer nds. Innenminister, im Kaufpark zur Eröffnung der »Immobilienmesse«. Gleichzeitig wurde dort gegen die Abschiebung von Roma und Aschkali protestiert.
01.05. In Gö. die übliche reformistische DGB Veranstaltung
02.05. Weiterarbeiten zu den Bedingungen des Kapitals
~ .05. Reclaim the Place - Party im Parkhaus Gosslerstr. mit Feuerwerk, Jonglage und offenem Feuer. Böller flogen gegen die Bullen, die den Asta bewachten.
08.05. Demo gegen Studiengebühren
~ .05. Bei einem Ehrenmal für Wehrmachtssoldaten werden die Zeilen »für uns« entfernt, der offizielle Text behauptet, dass »die Soldaten für uns gefallen« sind.
11.06. Zoff mit dem Stoff - der Göttinger Präventionsverein und Grün/weiß machen Party gegen Drogen. Kritische Leute thematisieren Übergriffe von Polizei und Ausgrenzung durch die Gesellschaft.
25.06. Outing des ehemaligen Kreisvorsitzenden der Göttinger NPD, Daniel Huber, der als Angestellter eines Sicherheitsdienstes die Uni-Aula, Amtssitz von Uni-Präsident Kern bewachte, in Form einer Kundgebung vor der Aula.
20.07. Brandanschlag imm Kreuzbergring auf eine Ausstellung des Bündnis für Freie Räume durch Nicolo Martin, FDP-Kreisvorsitzender und Moritz Strate, Parteigenosse von Martin. Das Feuer konnte rechtzeitig gelöscht und größerer Schaden vermieden werden.
24.07. Anläßlich einer Geburtstagsfeier von Nicolo Martin wurden auf das Verbindungshaus, in dem die Feier stattfand, Böller und Steine geworfen.
09.08. Antifa Cup mit 19 Fußballteams und mehr als 120 TeilnehmerInnen
09.08. Spontan-Demo wegen der Räumung des Grenzcamps in Köln.
11.08. Bei der Bullenwache in der Ihringstr. wird aus Solidarität Praxis, in Form von Biomüll, der vor den Haupteingang gekippt wird. Hintergrund Köln.
19.08. Protestcamp am Gänseliesel wegen der brutalen Räumung des Grenzcamp mit Zelten, Infowand, Flugis, Vokü und Film.
06.09. Legendäre 1. Göttinger Gemüseschlacht - Innenstadt vs. Peripherie. Hoher Spaßgehalt, ernster Hintergrund Stichwort: Sauberes Göttingen.
20.09. Demo: Links ist da wo keine Heimat ist, gegen GfbV.
30.09. Farbeier an die Hausfassade der Gesellschaft für bedrohte Völker, Rest Farbe wurde über den Briefkasten von Wettig-Danielmeier (SPD) geschüttet, die den antifaschistischen Gruppen den Antifaschismus abspricht.
10.10. Innenstadt-Aktionstag unter dem Motto »die Stadt gehört niemandem! No Control!« Jede Menge Spaß/Kommunikationsguerilla, Musik, Vokü, Infowände und jede Menge Flugis.
11.10. Aufgrund vorangegangener und befürchteter Proteste sagte Martin Walser sein Kommen im Literarischen Zentrum ab.
10.11. Castor rollt nachts durch Göttingen. Am Vormittag SchülerInnen Demo mit 120 Leuten. Nach Eierwürfen gegen das Bahnhofsgebäude gibt es körperliche Gewalt von grün/weiß. Bei Einbruch der Dunkelheit wuseln jede menge Kleingruppen umher, wobei mehrere Papiercontainer ein Raub der Flammen werden. Kurz vor Durchfahrt des Castors findet sich so einiges auf den Gleisen wieder, z.B. brennende Reifen, obwohl rechtzeitig von Bullenhubschrauber bemerkt, rast der Castor einfach darüber hinweg. Fazit der Gruppe, die unerkannt wegkam: Die Bullen können nicht überall sein. Vorbereitung und Ruhe bringen uns strategische Vorteile. Kleingruppen sind wendig und unsichtbar. Bei kleinen brennenden Barrikaden hält der Castor nicht. Es gab 15 Gewahrsamnahmen, 19 Personalien-Feststellungen, 25 Platzverweise und Schlagstock-Einsatz.
24.11. Uni-Streik: jede Menge Aktionen, würde aus Platzgründen den Rahmen sprengen, sie alle aufzulisten. An dieser Stelle sei deshalb auf die Internetseite www.bildungsklau.de verwiesen.
27.11. Prozess gegen 2 Leute wegen SPD-Parteibürobesetzung, die im März stattfand. UnterstützerInnen mussten sich durchsuchen lassen, der Richter begründet diese Sicherheitsmaßnahme damit, dass ihm ein Aufruf aus der gödru zugefaxt wurde, in dem für diesen Prozess mobilisiert wurde und mit der Aufforderung, den Prozess selber zu gestalten. Das Ganze dauerte dann auch 3 Std. Urteil schwerer Hausfriedensbruch. 50 bzw. 30 Tagessätze a 15 Euro. Im Vorfeld gab es dazu noch ein Fake von der SPD.
08.12. Räumung des besetzten Oeconomicum. Mal wieder mit knüppelnden Bullen und tagelangem Belagerungszustand durch selbige. Verantwortlich sind der Uni-Präsident Horst Kern und der AStA-Vorsitzende Daniel Flore (siehe u.a. GöDru Nr. 468)
In der Nacht wurde die Zentralmensa aufgebrochen und mit Parolen versehen, die sich auf die Räumung des OEC beziehen.
09.12. Spontandemo gegen Uniräumung, mittlerweile sind zahlreich Flugblätter, die die Geschehnisse beleuchten, im Umlauf. Auch danach gab es weitere verschiedene Aktionen.
06.12. Spontandemo nach Magdeburger Urteil
30.12. Demo anlässlich der Vergewaltigung einer Frau durch die Innenstadt. Mehrere Personen hatten im Vorfeld die Bedrängnis der Frau mit angesehen, ohne einzugreifen.
Außerdem war da noch:
eine Brandstiftung im Asta-Gebäude, bei der ein Computer geklaut wurde. Bis heute ist unklar, wer ihn verübt hatte. Der rechte Asta schob ihn automatisch den Linken zu.
Anläßlich der Brandstiftung im Kreuzbergring gab es eine Fahrraddemo mit Stationen bei FDP, den Unterkünften von Nicolo Martin und Moritz Strate, z.B. der Burschenschaft Winfridia.
Beim MTV-Konzert auf dem Campus verschafften sich mehrere Leute kostenlosen Zutritt, indem sie einfach ein Absperrungsgitter aus der Verankerung zogen.
Des Öfteren wurden Burschis und Verbindung Ziel von Aktionen.
Und es gab eine kleine Agit-Prop-Aktion im Stadtbus gegen Kameraüberwachung.
In der Neujahrsnacht gab es schon mal einen ansprechenden Einstieg ins neue Jahr: zwei große Schaufensterscheiben von Cron & Lanz gesmasht.
Jetzt gibt's aber den Abschluß mit Parolen von Artikel aus Drucksache Nr. 446/465, die wir ganz passend fanden:
organisiert handeln, »chaotisch« denken!
Aus dem Mainstream desertieren - auf ein widerständiges 2004!
Es gibt kein ruhiges Hinterland!

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