Veranstaltungsreihe

30 Jahre Deutscher Herbst


Allein schon die Vorstellung was denn der deutsche Herbst war ist nicht mehr klar. Das offizielle Bild heute kennt nur noch wild und wüst um sich schiessende Verbrecher, die am Ende glücklicherweise besiegt werden und deren Rädelsführer sich feige selbst morden. Von Anfang an steht fest, dass es ein aussichtsloser und irrsinniger Kampf war. Unschwer ist darin eine Entsorgung eines unliebsamen Teils der Geschichte der BRD zu erkennen.

Wir wollen versuchen, ein anderes gelebtes Bild zu zeichnen: Der deutsche Herbst ist zuallererst mal Polizeistaat pur, der das ganze Land unter Verdacht hat, sich gegen ihn verschworen zu haben. In jedem Auto sitzt ein potentieller Entführer und muss damit rechnen, überall angehalten zu werden und in MP-Mündungen zu schauen. Hände aufs Wagendach, abtasten, durchsuchen, Auto auseinandernehmen – und tschüß. – Die freiwillige Selbstzensur der Presse, der „übergesetzlicher Notstand" genannte Ausnahmezustand, der Krisenstab – eine Riege ehemaliger Wehrmachtsoffiziere -, die Aufforderung, das Unmögliche zu denken – die Liquidierung, sprich: Hinrichtung der Gefangenen.

Auf der anderen Seite die Entführung und Tötung Schleyers und der Tod seiner Leibwächter, die Entführung eines Flugzeuges mit Urlaubern als Geiseln. Und ein paar Monate vorher: Buback, Ponto.

Das Ganze als Höhepunkt einer Eskalation, deren Wurzeln fast vergessen sind.

„Nun sind wir hier in den Metropolen dazu verpflichtet, gegen dieses System, was notwendigerweise zur Katastrophe drängt, mit aller Gewalt vorzugehen. Und zwar mit Formen, die die organisierte Gewalt des Systems unterlaufen, bzw. adäquat begegnen. Bisher haben wir die richtigen Antworten nicht gefunden. Wir dürfen dabei aber von vornherein nicht auf eigene Gewalt verzichten, denn das würde nur einen Freibrief für die organisierte Gewalt des Systems bedeuten." (Rudi Dutschke)

Diese Diskussionen waren das Ergebnis der breiten Revolte von `68, die nicht mit den Studenten angefangen hat, aber auch von ihnen massenhaft aufgegriffen wurde, und die wir heute verkürzt „Studentenbewegung" nennen. Allein die Verkürzung auf diesen Begriff schließt sich an die herrschende Geschichtsfälschung an, ist doch der Aufbruch in seiner Breite und Radikalität viel mehr, und sind doch gerade ihre radikalsten Teile keinesfalls an der Uni aktiv.

Wie konnte es dazu kommen? Das große Schweigen der Tätergeneration und der Versuch, die schrecklichen Erinnerungen an den Faschismus im Konsumrausch zu ersticken, bringt eine ganze Generation auf die Barrikaden. Der alte Geist des Faschismus ist so deutlich zu spüren und in Gestalt von Altnazi Kiesinger als Bundeskanzler in Person greifbar. Andererseits ist der Schrei nach Veränderung nicht mehr zu überhören: Die Lehrlingsbewegung ist nicht mehr bereit, für 20 Mark im Monat zu schuften und auch noch Züchtigung zu dulden. Es ist kaum zu glauben, aber Schläge von Lehrmeistern werden erst 1972 gesetzlich verboten. In den Heimen wehren sich die Jugendlichen dagegen, wie Strafgefangene gehalten zu werden. Die Antipsychiatriebewegung will „aus der Krankheit eine Waffe machen"….

Die Studentenbewegung wird am stärksten in der Öffentlichkeit wahrgenommen, ihre Debatten und ihre neuen Aktionsformen gelten als Grundstein für eine „Neue Linke". Vergessen wird aber, dass die Bewegungen in einem internationalen Kontext stattfinden, den keiner der AkteurInnen bisher so kannte: In Frankreich, Italien, Tschechoslowakei und anderen europäischen Ländern sind permanente Massenproteste auf der Straße. In Frankreich flieht die Regierung vor dem Generalstreik und den Barrikadenkämpfen der ArbeiterInnen und StudentInnen. In den USA der Widerstand gegen den Vietnamkrieg und die Aufstände der Schwarzen, der Chicanos, die Black Panther, die Weatherman und Rising Up Angry. Und im Trikont die Welle der antikolonialen und nationalen Befreiungsbewegungen und -kriege und insbesondere der Krieg der USA in Vietnam und der Widerstand der Vietkong, der wie kein anderes Ereignis in alle Bewegungen rund um den Globus ausstrahlt und eben auch in der BRD wirkte. Eine globale Revolution schien machbar.

Eine Fixierung auf die „bleierne Zeit" des deutschen Herbstes verkürzt unsere Sicht auf das Ereignis der Konfrontation der RAF mit dem Staat. 1977 war viel mehr: Es gab Hausbesetzungen, und die Anti-AKW-Bewegung hatte in den Massendemonstrationen und den versuchten Stürmungen der Bauzäune in Brokdorf und Grohnde gewaltige Höhepunkte. Und auch die Bewegungen vom Ende der 60er sind keineswegs im „Marsch durch die Institutionen" vollständig aufgerieben und befriedet. Es hat im Gegenteil noch eine Ausweitung gegeben: Frauenbewegung, Jugendzentrumsbewegung, Hausbesetzungen, in jeder noch so kleinen Stadt eine eigene Stadtzeitung … Die BRD ist auch Ende 1977 keinesfalls ein befriedetes Land.

Und doch wirkt die Konfrontation im deutschen Herbst auch in die Bewegungen und in die Linke insgesamt hinein. Einerseits zeigt sich der Staat von seiner reaktionärsten Seite, bereit, die Konfrontation auf die Spitze zu treiben. Und andererseits brechen die Ränder auf, die taz wird gegründet und es verbreitete sich ein neuer, grüner Reformismus, der viele ehemalige Militante zurück in den Schoß des Staates spült.

So wie die Bewegungen und Kämpfe von 68 in die Entstehung der Entwicklung bewaffneter Politik in der BRD hineingewirkt hat und damit die Bewegungen auch verändert haben, so betrifft der deutsche Herbst wiederum nicht nur die Konfrontation des Staates mit der Guerilla. Weit darüber hinaus hat dies auch Auswirkungen auf die gesamte Linke und die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Bei der geplanten Veranstaltungsreihe soll es weder darum gehen, das Thema bewaffneter Kampf und deutscher Herbst den „Terrorismusexperten" zu überlassen, noch es zu historisieren. Wir wollen das Verhältnis Bewegungen - bewaffneter Kampf in seinem gesellschaftlichen und internationalen Kontext fassen, um aus den historischen Erfahrungen einer ganzen Epoche linksradikalen Widerstandes einen konstruktiven Beitrag für die Perspektiven der aktuellen Bedingungen und Möglichkeiten sozialen und politische Widerstandes diskutierbar zu machen.

Zu diesem Zweck haben wir Zeitzeugen eingeladen, die uns an exemplarischen Beispielen von den Kämpfen dieser Zeit berichten und mit denen wir die Fragen nach dem „was bleibt" und welche Anknüpfungspunkte es heute für uns geben kann, diskutieren wollen.



„Projekt Arthur"
Mittwoch, 24.10.07, 19.00 Uhr Lumiere

Im Film berichten AkteurInnen der damaligen Zeit von den Hochzeiten der linksradikalen Bewegung Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre und beschreiben den Beginn bewaffneter Politik auf dem Hintergrund der deutschen und internationalen Verhältnisse, wobei das Verhältnis zur Studentenbewegung einen besonderen Schwerpunkt bildet. Insbesondere aber geht es um die Entstehungsgeschichte der „Bewegung 2. Juni".



„Ob Anstaltssystem oder Wissenschaft- die Psychiatrie gehört abgeschafft!"
Mittwoch, 31.10.07, 20.00 Uhr Apex

Alix Arnold und Detlef Hartmann berichten von der Antipsychiatriebewegung in Köln, wo diese einen ihrer Höhepunkte hatte und unter anderem das SSK (Sozialistische Selbsthilfe Köln) stark prägte.



„Wieder mal Deutscher Herbst? Die Linke und staatliche Repression"
Dienstag, 6.11.07, 20.00 Uhr Theaterkeller

Klaus Viehmann erzählt über die damalige Situation und Politik der Gruppen zu „Terror" und Staatsterror damals und heute.
Klaus Viehmann war in den 70er Jahren in der westdeutschen Stadtguerilla aktiv.



Soziale Bewegung und bewaffneter Kampf
Donnerstag, 15.11.07, 20.00 Uhr Theaterkeller

Karl-Heinz Dellwo, als Mitglied der RAF an der Besetzung der dt. Botschaft in Stockholm 1975 beteiligt, war insgesamt 21 Jahre im Knast. Anhand seines eigenen Weges in den bewaffneten Kampf setzt er sich kritisch mit dem Konzept Stadtguerilla auseinander.



veranstaltet von AK Internationalismus, aut (aktionsfront unersättlicher tagediebInnen), Roter Buchladen