Allein schon die Vorstellung was denn der deutsche Herbst war ist nicht
mehr klar. Das offizielle Bild heute kennt nur noch wild und wüst um
sich schiessende Verbrecher, die am Ende glücklicherweise besiegt werden
und deren Rädelsführer sich feige selbst morden. Von Anfang an steht
fest, dass es ein aussichtsloser und irrsinniger Kampf war. Unschwer
ist darin eine Entsorgung eines unliebsamen Teils der Geschichte der
BRD zu erkennen.
Wir wollen versuchen, ein anderes gelebtes Bild zu zeichnen: Der deutsche
Herbst ist zuallererst mal Polizeistaat pur, der das ganze Land unter
Verdacht hat, sich gegen ihn verschworen zu haben. In jedem Auto sitzt
ein potentieller Entführer und muss damit rechnen, überall angehalten
zu werden und in MP-Mündungen zu schauen. Hände aufs Wagendach,
abtasten, durchsuchen, Auto auseinandernehmen – und tschüß. – Die
freiwillige Selbstzensur der Presse, der „übergesetzlicher Notstand"
genannte Ausnahmezustand, der Krisenstab – eine Riege ehemaliger
Wehrmachtsoffiziere -, die Aufforderung, das Unmögliche zu denken –
die Liquidierung, sprich: Hinrichtung der Gefangenen.
Auf der anderen Seite die Entführung und Tötung Schleyers und der Tod
seiner Leibwächter, die Entführung eines Flugzeuges mit Urlaubern als
Geiseln. Und ein paar Monate vorher: Buback, Ponto.
Das Ganze als Höhepunkt einer Eskalation, deren Wurzeln fast vergessen
sind.
„Nun sind wir hier in den Metropolen dazu verpflichtet, gegen dieses
System, was notwendigerweise zur Katastrophe drängt, mit aller Gewalt
vorzugehen. Und zwar mit Formen, die die organisierte Gewalt des
Systems unterlaufen, bzw. adäquat begegnen. Bisher haben wir die
richtigen Antworten nicht gefunden. Wir dürfen dabei aber von vornherein
nicht auf eigene Gewalt verzichten, denn das würde nur einen Freibrief
für die organisierte Gewalt des Systems bedeuten." (Rudi Dutschke)
Diese Diskussionen waren das Ergebnis der breiten Revolte von `68, die
nicht mit den Studenten angefangen hat, aber auch von ihnen massenhaft
aufgegriffen wurde, und die wir heute verkürzt „Studentenbewegung" nennen.
Allein die Verkürzung auf diesen Begriff schließt sich an die
herrschende Geschichtsfälschung an, ist doch der Aufbruch in seiner
Breite und Radikalität viel mehr, und sind doch gerade ihre
radikalsten Teile keinesfalls an der Uni aktiv.
Wie konnte es dazu kommen? Das große Schweigen der Tätergeneration und
der Versuch, die schrecklichen Erinnerungen an den Faschismus im
Konsumrausch zu ersticken, bringt eine ganze Generation auf die
Barrikaden. Der alte Geist des Faschismus ist so deutlich zu spüren
und in Gestalt von Altnazi Kiesinger als Bundeskanzler in Person
greifbar. Andererseits ist der Schrei nach Veränderung nicht mehr zu
überhören: Die Lehrlingsbewegung ist nicht mehr bereit, für 20 Mark
im Monat zu schuften und auch noch Züchtigung zu dulden. Es ist kaum
zu glauben, aber Schläge von Lehrmeistern werden erst 1972 gesetzlich
verboten. In den Heimen wehren sich die Jugendlichen dagegen, wie
Strafgefangene gehalten zu werden. Die Antipsychiatriebewegung will
„aus der Krankheit eine Waffe machen"….
Die Studentenbewegung wird am stärksten in der Öffentlichkeit
wahrgenommen, ihre Debatten und ihre neuen Aktionsformen gelten als
Grundstein für eine „Neue Linke". Vergessen wird aber, dass die
Bewegungen in einem internationalen Kontext stattfinden, den keiner
der AkteurInnen bisher so kannte: In Frankreich, Italien,
Tschechoslowakei und anderen europäischen Ländern sind permanente
Massenproteste auf der Straße. In Frankreich flieht die Regierung vor
dem Generalstreik und den Barrikadenkämpfen der ArbeiterInnen und
StudentInnen. In den USA der Widerstand gegen den Vietnamkrieg und
die Aufstände der Schwarzen, der Chicanos, die Black Panther, die
Weatherman und Rising Up Angry. Und im Trikont die Welle der
antikolonialen und nationalen Befreiungsbewegungen und -kriege und
insbesondere der Krieg der USA in Vietnam und der Widerstand der
Vietkong, der wie kein anderes Ereignis in alle Bewegungen rund um
den Globus ausstrahlt und eben auch in der BRD wirkte. Eine globale
Revolution schien machbar.
Eine Fixierung auf die „bleierne Zeit" des deutschen Herbstes
verkürzt unsere Sicht auf das Ereignis der Konfrontation der RAF mit
dem Staat. 1977 war viel mehr: Es gab Hausbesetzungen, und die
Anti-AKW-Bewegung hatte in den Massendemonstrationen und den
versuchten Stürmungen der Bauzäune in Brokdorf und Grohnde gewaltige
Höhepunkte. Und auch die Bewegungen vom Ende der 60er sind keineswegs
im „Marsch durch die Institutionen" vollständig aufgerieben und
befriedet. Es hat im Gegenteil noch eine Ausweitung gegeben:
Frauenbewegung, Jugendzentrumsbewegung, Hausbesetzungen, in jeder
noch so kleinen Stadt eine eigene Stadtzeitung … Die BRD ist auch
Ende 1977 keinesfalls ein befriedetes Land.
Und doch wirkt die Konfrontation im deutschen Herbst auch in die
Bewegungen und in die Linke insgesamt hinein. Einerseits zeigt sich
der Staat von seiner reaktionärsten Seite, bereit, die Konfrontation
auf die Spitze zu treiben. Und andererseits brechen die Ränder auf,
die taz wird gegründet und es verbreitete sich ein neuer, grüner
Reformismus, der viele ehemalige Militante zurück in den Schoß des
Staates spült.
So wie die Bewegungen und Kämpfe von 68 in die Entstehung der
Entwicklung bewaffneter Politik in der BRD hineingewirkt hat und
damit die Bewegungen auch verändert haben, so betrifft der deutsche
Herbst wiederum nicht nur die Konfrontation des Staates mit der
Guerilla. Weit darüber hinaus hat dies auch Auswirkungen auf die
gesamte Linke und die gesellschaftlichen Verhältnisse.
Bei der geplanten Veranstaltungsreihe soll es weder darum gehen, das
Thema bewaffneter Kampf und deutscher Herbst den „Terrorismusexperten"
zu überlassen, noch es zu historisieren. Wir wollen das Verhältnis
Bewegungen - bewaffneter Kampf in seinem gesellschaftlichen und
internationalen Kontext fassen, um aus den historischen Erfahrungen
einer ganzen Epoche linksradikalen Widerstandes einen konstruktiven
Beitrag für die Perspektiven der aktuellen Bedingungen und
Möglichkeiten sozialen und politische Widerstandes diskutierbar
zu machen.
Zu diesem Zweck haben wir Zeitzeugen eingeladen, die uns an
exemplarischen Beispielen von den Kämpfen dieser Zeit berichten und
mit denen wir die Fragen nach dem „was bleibt" und welche
Anknüpfungspunkte es heute für uns geben kann, diskutieren wollen.
Im Film berichten AkteurInnen der damaligen Zeit von den Hochzeiten der linksradikalen Bewegung Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre und beschreiben den Beginn bewaffneter Politik auf dem Hintergrund der deutschen und internationalen Verhältnisse, wobei das Verhältnis zur Studentenbewegung einen besonderen Schwerpunkt bildet. Insbesondere aber geht es um die Entstehungsgeschichte der „Bewegung 2. Juni".
Alix Arnold und Detlef Hartmann berichten von der Antipsychiatriebewegung in Köln, wo diese einen ihrer Höhepunkte hatte und unter anderem das SSK (Sozialistische Selbsthilfe Köln) stark prägte.
Klaus Viehmann erzählt über die damalige Situation und Politik der
Gruppen zu „Terror" und Staatsterror damals und heute.
Klaus Viehmann war in den 70er Jahren in der westdeutschen
Stadtguerilla aktiv.
Karl-Heinz Dellwo, als Mitglied der RAF an der Besetzung der dt. Botschaft in Stockholm 1975 beteiligt, war insgesamt 21 Jahre im Knast. Anhand seines eigenen Weges in den bewaffneten Kampf setzt er sich kritisch mit dem Konzept Stadtguerilla auseinander.
veranstaltet von AK Internationalismus, aut (aktionsfront unersättlicher tagediebInnen), Roter Buchladen