Der Sozialkahlschlag: Perspektiven von oben -
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Der aktuelle Umbruch in Deutschland |
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Seit der berüchtigten »Agenda 2010« der SPD-grünen-Regierung wird auch in Deutschland der Sozialstaat unwiderruflich geschleift. In allen seinen Funktionsbereichen findet eine pausenlos zugreifende und arbeitsteilig abgestimmte Demontage statt. Der Sozialkahlschlag konzentriert sich auf die Arbeitsmärkte, das Gesundheitswesen, den Bildungssektor, die Altersrenten und die Migrationspolitik.
Durch die so genannten Hartz-Reformen (Deregulierungspaket I - IV der Hartz-Kommission der Bundesregierung) ist auf den Arbeitsmärkten ein qualitativer Sprung eingeleitet worden, der weit reichende Folgen haben wird. Die auf abhängige Erwerbsarbeit Angewiesenen werden weitgehend entrechtet. Die Sozialfonds für Erwerblose werden auf ein Minimum zusammengestrichen. Der Bezug der bisherigen Arbeitslosenhilfe wird auf das Niveau der Sozialhilfe zurückgeführt und mit dieser gleichgesetzt, und auf diese Weise nimmt das seit längerem verfolgte Projekt der Arbeitserzwingung konkrete Gestalt an. Das Ergebnis ist die massive Ausweitung des Sektors ungeschützter Arbeitsverhältnisse, die schon jetzt mehr als die Hälfte des gesamten Arbeitsvolumens ausmachen, und die endgültige Abkehr vom Modell der »Kernbelegschaften«. Auch in Deutschland hält die Arbeitsarmut Einzug. Auf die weitgehende Auflösung der Sozialfonds für Erwerbslose folgt die breite Einführung eines Niedriglohnsektors.
Das Gesundheitswesen wird auf allen Strukturebenen um ein Drittel demontiert und
zugleich verteuert. Die Kranken sind seit Jahresbeginn mit weiteren
Gebührensteigerungen konfrontiert, die auf mehreren Ebenen greifen. Auf diese
Weise wird in allen Strukturbereichen die Privatisierung vorangetrieben. Die
Versicherungs- und Pharmakonzerne übernehmen die Regie und unterwerfen das
Gut Gesundheit einer an der Rendite orientierten Rationierung.
Auch im Bildungssektor werden drastische Abbaumaßnahmen vorangetrieben.
Parallel dazu werden vor allem finanziell greifende Zugangshürden errichtet. Die
pluralistisch-demokratischen Strukturreste in Ausbildung und Forschung sind
Makulatur geworden und werden auch hier von den Berufsschulen bis zu den
Universitäten einer rasch um sich greifenden Privatisierungsoffensive geopfert. Unter
dem zunehmenden Anpassungs- und Selektionsdruck wächst die Bereitschaft vieler
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ihre Denk- und Forschungsstrukturen der
Scheinlogik der Märkte zu unterwerfen. Die Gefahr wächst, dass die in
Jahrhunderten gewachsenen Fähigkeiten zur kritischen Systemreflexion über die
Geschichte und Perspektiven der Gesellschaft beseitigt werden.
Inzwischen werden auch die Bezieher von Altersrenten in den Strudel der
Sozialdemontage hineingezogen. Durch hinterhältige Eingriffe in die
Leistungskataloge werden die Anwartschaftszeiten fortschreitend verlängert, die
Anrechnungszeiten für die Berufsausbildung vollends gestrichen und die Zahlungen
schrittweise auf unter 50 Prozent des vorher erzielten Arbeitseinkommens gedrückt.
Auch aus diesem besonders sensiblen Kernbereich verabschiedet sich der
Sozialstaat und öffnet dem Versicherungskapital durch die Liquidierung des
Generationenvertrags und des Umlageverfahrens das Tor für den Zugriff auf die
Ersparnisse der kleinen Leute.
Im Gegensatz zu diesen dramatischen Angriffen auf die soziale Sicherheit der Masse
der Durchschnittsbevölkerung war die Marginalisierung der Migrantinnen und
Migranten schon im Verlauf der letzten fünfzehn Jahre vorangetrieben worden. Die
Gesellschaft hat sich an den Skandal der Heimunterbringung, der
Aufenthaltsbeschränkungen und der Abschiebeknäste für Flüchtlinge gewöhnt .
Bekanntlich wird aber an den Minderheiten nur durchexerziert, was letztlich allen
bevorsteht, und deshalb wird sich die Hinnahme dieser brutalen
Ausgrenzungsmaßnahmen noch bitter rächen. Es ist jedenfalls ein bedrohliches
Zeichen, dass selbst die Einführung beschränkter Immigrationsregulierungen
unterbleibt.
Wenn wir diese Veränderungen in ihrem Zusammenwirken reflektieren, dann fällt die
Zwischenbilanz bitter aus. Der Bruch mit dem sozialen Sicherungssystem findet jetzt
auch zwischen Rhein und Oder statt, und dabei ist es kein Trost, dass der
Sozialkahlschlag trotz seiner Vorentwicklungen seit den 1980er Jahren
vergleichsweise spät zu greifen beginnt. Er hat bei der Masse der Löhne und
Sozialeinkommen beziehenden Bevölkerung genau so wie bei den durch den Umbau
des Bildungswesens betroffenen Jugendlichen eine tief greifende Desillusionierung
und Verunsicherung ausgelöst, und es ist zum erstenmal wieder zu breiteren
Protestaktionen gekommen. Es ist dringlich geworden, sich über die
wahrscheinlichen Folgen dieses sozialen Umbruchs Klarheit zu verschaffen.
Die aktuelle arbeits- und sozialpolitische Entwicklung kann indessen erst in ihren
internationalen Zusammenhängen richtig verstanden werden, und deshalb beginne
ich mit einigen Überlegungen und Hypothesen über ihren globalen Kontext.
Der globale Kontext |
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In Deutschland wird gegenwärtig im Eiltempo nachgeholt, was in den 1980er Jahren in den USA und Großbritannien unter Reagan und Thatcher begonnen hatte und in den 1990er Jahren in Italien, Spanien, Frankreich und der Schweiz sowie in den meisten Schwellen- und Transformationsländern des kapitalistischen Weltsystems ausdifferenziert worden war. Dabei sind in der Taktik des Vorgehens zwar gewisse nationale Differenzierungen zu erkennen, die vor allem durch das unterschiedliche Ausmaß des Widerstands gegen den Sozialabbau bedingt sind. Durch sie werden jedoch die identischen Grundlinien nicht in Frage gestellt. Weltweit ist eine Spirale der sozialpolitischen Demontage in Gang gekommen, die die bisherigen strukturellen Unterschiede zwischen Metropolen, Semiperipherie und Peripherie aus der Perspektive der arbeitenden Armen zunehmend verwischt. Zwar bestehen aufgrund der unterschiedlichen Lebensstandards zu Beginn des sozialen Angriffs auch heute noch erhebliche Unterschiede. Aber für die Obdachlosen und Flüchtlinge ist es nicht mehr so entscheidend, unter welchen Brückenpfeilern und in welchen Asylen sie dahinvegetieren.
Auch die deutsche Entwicklung ist Teil eines weltweiten Deregulierungskonzepts des
Kapitals und seiner internationalen Institutionen, das nicht neoliberal, sondern
neokonservativ und zutiefst reaktionär ist. Seit den 1980er Jahren erobern die
Kapital- und Finanzgruppen die sozialstaatlichen Schalthebel. Sie verkehren die
bisherige Richtung der Umverteilungsmechanismen zur Existenzsicherung der
Schwachen in ihr Gegenteil. Gleichzeitig erzwingen sie in einem alle Nationalstaaten
erfassenden Domino-Effekt eine massive Senkung der Steuereinnahmen. Während
die Budgets für die Sozialeinkommen der Armen gedrosselt werden, erfahren die
Etatposten für den Ausbau des Repressionsapparats - Polizei-, Gefängniswesen
und Psychiatrie - einen rasanten Aufschwung. Die sozial ausgleichende »linke Hand«
der Staaten verkümmert zunehmend, und die Vordenker und Akteure des
neokonservativen Umbaus betonen die Notwendigkeit einer »starken Rechten,« um
die sozialen Desintegrationsfolgen ihres Vorgehens vorbeugend unter Kontrolle zu
bringen. Wer sich mit dem Elendsdasein eines arbeitenden Armen nicht abfinden will
und in die kriminalisierten Sektoren der Schattenwirtschaft ausweicht, soll die
Schlagkraft des abstrafenden Repressionsstaats zu spüren bekommen.
Dieser Umbau war und ist nur möglich, weil sich die in den parlamentarischen
Repräsentationssystemen verankerten politischen Klassen aller Lager den Strategien
und Verheißungen des neokonservativen Zugriffs unterworfen haben. Da sie sich
selbst jedoch bei der Verabschiedung ihrer sozialpolitischen Gesetzes- und
Verordnungspakete von den nachteiligen und existenziell verunsichernden Folgen
ausnehmen, ist ihr Kotau mit folgenreichen kollektiven Korruptionserscheinungen
verbunden. Die kollektive Selbstbevorteilung macht die politischen Klassen weithin
sichtbar und löst bei denjenigen, die unter der von ihnen dekretierten sozialen
Ungerechtigkeit zu leiden haben, Ressentiments und Hassgefühle aus. Dies führt
mittelfristig zu einer Demontage der repräsentativ-demokratischen Systeme von
innen heraus und kann gefährliche Folgen haben. Unter diesen Vorzeichen erleben
wir nun auch in Deutschland - fünfzehn Jahre nach Frankreich und zehn Jahre nach
Italien - die Selbstzerstörung der Sozialdemokratie aller Varianten, wobei sich auch
die PDS durch ihre Beteiligung an der Berliner Stadtregierung und deren Kapitulation
vor den aus dem Kalten Krieg überkommenen Finanzspekulanten selbst das Grab
geschaufelt hat. Aber auch in solchen Ländern, in denen wir es mit unbezweifelbar
integren politischen Führungen zu tun haben wie beispielsweise in Brasilien, scheint
es keine Handlungsräume für wirksame Gegeninitiativen mehr zu geben.
Die inneren Umwälzungen finden unter nicht weniger dramatischen äußeren
Rahmenbedingungen statt. Sie sind in die Formierung eines neuen kollektiven
Imperialismus eingebettet, der die Weltinstitutionen an die militärische Weltherrschaft
der USA anpasst und sich in den strategischen Krisenzonen des Weltsystems mit
Methoden festsetzt, die an den klassischen Kolonialismus erinnern. Trotz aller
Rivalitäten unter den Großmächten scheint ein neues Netzwerk imperialistischer
Herrschaft zu entstehen, das innere Gegensätze ständig ausgleicht und die
gemeinsame Kontrolle über die strategischen Ressourcen sowie die Stagnations-
und Depressionsgebiete des Weltsystems durchsetzt. Auch die Frage, in welchen
Regionen als bedrohlich geltende Blockaden gegen die Ausweitung der
Wertschöpfung gewaltsam beseitigt werden sollen, scheint trotz des jüngsten
Alleingangs der angelsächsischen Kriegskoalition gegen den Irak letztlich kollektiv
entschieden zu werden - im Rahmen »ultra-imperialistischer«
Abstimmungsverfahren, wie sie Karl Kautsky ausgerechnet 1915/16, auf dem
Höhepunkt eines zerstörerischen Hegemonialkampfs der Großmächte,
vorausgesehen hatte.
Die Ziele des neokonservativen Projekts und die Folgen der Zerstörung des bisherigen sozialstaatlichen Klassenkompromisses |
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Der innere Sozialkahlschlag und die veränderten äußeren Weichenstellungen zur
Regulierung des kapitalistischen Weltsystems sind zweifellos zwei Seiten einer
Medaille. Auf der Grundlage weltweit verschärfter und zugleich kollektiv-gewalttätig
abgesicherter Ausbeutungsverhältnisse soll ein neues Akkumulationsregime
durchgesetzt werden. Es unterscheidet sich vom voraufgegangenen Zyklus vor allem
dadurch, dass es die Vollbeschäftigungsmaxime und das
Massenkonsumversprechen des keynesianisch-fordistischen Zeitalters durch ein
System der strategischen Unterbeschäftigung ersetzt. Weltweit soll zu Spottpreisen
eine wirtschaftliche Reservearmee verfügbar gemacht werden, und weltweit werden
die sich vergrößernden unverwertbaren Segmente der Massenarmut auf neue Weise
ausgegrenzt und eingefriedet. Die postkoloniale Bewegungsfreiheit der
transkontinentalen Massenmigrationen wird wieder aufgehoben. Die von den
Migrantinnen und Migranten erkämpfte Freizügigkeit stößt inzwischen überall auf der
Welt auf elektronische Grenzzäune und auf weithin sichtbare Mauern. Diese
Monumente einer neuen Ausschließungskultur demonstrieren auf drastische Weise,
dass die Annahme, die ungezügelte Mobilität des Kapitalverkehrs würde auch eine
»neo-liberale« Freizügigkeit der Menschen hervorbringen, eine Illusion war. Nicht nur
in dieser Hinsicht hat sich der so genannte Neo-Liberalismus als kompromisslos
menschenfeindlicher Neo-Konservatismus entlarvt, der immer unverhüllter auf
autoritäre Herrschaftsmechanismen zurückgreift.
Zusätzlich soll dieses neu dimensionierte äußere Wachstumsmodell langfristig durch
eine innere Expansionsdynamik gesichert werden. Durch diesen Weg in das Innere
der Gesellschaften unterscheidet sich das gegenwärtige Akkumulationsregime am
weitesten von seinen Vorläufern. Denn seine Planer und Vordenker sind sich der
Tatsache bewusst, dass die letzten noch verbliebenen äußeren Wachstumsquellen -
vor allem die Rekonstruktionszone in Ostmitteleuropa und der gigantische late
comer China - in zehn bis fünfzehn Jahren erschöpft sein werden. Dann hat das
kapitalistische Weltsystem endgültig einen Zustand erreicht, in dem es sich die
lebenden und toten Schätze dieser Erde restlos einverleibt hat. Es ist an seine
äußeren Grenzen gestoßen, und damit entfällt eine der entscheidenden
Voraussetzungen seiner geschichtlichen Dynamik. Da aber der Expansionsdruck
einer »endlosen Kapitalakkumulation« (Immanuel Wallerstein) das Wesen des
Weltsystems ausmacht, wäre es zum Untergang verurteilt, wenn ihm der Umschlag
zu einer nach innen zurückschlagenden Dynamik nicht gelingen sollte. Hier sehe ich
die entscheidende Ursache für die gnadenlose Härte, mit der die Planungs- und
Aktionszentren des Kapitalismus sich gegenwärtig die bisherigen »allgemeinen
Produktionsbedingungen« des Wachstums - gesellschaftliche
Reproduktionssphären, soziale Sicherungssysteme, Infrastrukturen und
Bildungswesen - aneignen.
Nun hat der Kapitalismus auch bei der Strukturierung der nationalstaatlichen
»Volkswirtschaften« schon immer eine entscheidende Rolle gespielt. Aber der jetzige
Umbruch signalisiert eine neue Qualität des Zugriffs. Im Dienst der inneren
Expansion wird die »Agenda 2010« die »Kommodifizierung« der Gesellschaft auf eine
qualitativ neue Stufe heben, indem im Dienst der nach innen umschlagenden
Kapitalexpansion jetzt allgemeine Alltagsbedürfnisse - Bildung, Gesundheit,
Alterssicherung usw. - hemmungslos privatisiert und unter das Diktat der Rendite
gestellt werden. Der Kapitalismus weitet seine Kontrolle über den Produktions- und
Verteilungssektor auf die Gesellschaft aus und macht sie sich tributpflichtig. Er
wandelt sich zu einem Kapitalismus der Gebühren und Dienstleistungsrenditen, die
er von Millionen kleiner Einkommensbezieher eintreibt. Ein solches
Akkumulationsmodell wäre den Heroen des industriellen Kapitalismus selbst in ihren
wildesten Träumen nicht eingefallen.
Für die Mehrheit der Gesellschaft ist dieser Aufbruch des Kapitals »nach innen«
außerordentlich folgenreich. Alle, die ihre Arbeitskraft vermieten müssen, um leben
zu können, geraten in allgemein ungesicherte Arbeitsverhältnisse. Als neue Form der
»Vollbeschäftigung« entsteht ein breiter Niedriglohnsektor. Um ihr Dasein zu fristen,
müssen immer mehr Menschen ihren Arbeitsalltag nacheinander auf drei oder vier
miserable Jobs verteilen. Ihre Arbeitszeiten steigen dramatisch, während ihre
Einkommen sinken. Sie sind zur Arbeitsarmut bis ans Lebensende verurteilt Wer
hätte es vor 20 Jahren für möglich gehalten, dass angesichts der rasanten
Produktivkraftentwicklung der Kampf für den Achtstundentag und ein freies
Wochenende jemals wieder zu einem Hauptanliegen der Assoziation der
Ausgebeuteten werden könnte?
Als besonders folgenreich werden sich die Eingriffe in das Bildungs- und
Wissenschaftssystem erwesen. Es entstehen neue Zugangsbarrieren auf allen
Ebenen. Wissenschaftliche Qualifikationen werden sich nur noch die Kinder der
einkommensstarken Gewinner des neokonservativen Umbruchs aneignen können.
Mit dieser »elitären« Neuorientierung wird die Marginalisierung des selbstkritischen
gesellschaftlichen Reflexionsvermögens einhergehen. Je stärker sich diese Tendenz
durchsetzt, desto höher wird der Preis sein, den die Gesellschaften für ihren Rückfall
in den Obskurantismus vor-aufklärerischer Marktvergötzung und analphabetisierter
Ressentiments zu zahlen haben.
Ein weiterer Schritt zu Dehumanisierung des gesellschaftlichen Lebens wird durch
die Beschränkung des Zugangs zu den Ressourcen des Gesundheitswesens
eingeleitet. Wer kein ausreichendes Einkommen hat, um den Wechselfällen einer
schweren Erkrankung zu begegnen, wird seine gesamten Ersparnisse in die
Waagschale werfen oder auf die Errungenschaften der neuen - und kostspieligen -
Gesundheitstechnologie verzichten müssen. Auf diese Weise wird eine alte und
bittere Parole wieder belebt: Weil Du arm bist, musst Du früher sterben.
So erzeugt der nach innen expandierende Kapitalismus eine neue Massenarmut.
War es ihm im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts gelungen, durch das
Ingangsetzen der Industrialisierung die »gefährlichen Klassen« der Eigentumslosen in
Arbeiterklasse und Subproletariat aufzuspalten, so hat er heute, 200 Jahre später,
damit begonnen, den umgekehrten Weg einzuschlagen. Die Arbeitsproduktivität
seiner Produktions- und Verteilungssysteme ist heute derart angewachsen, dass zur
Erzeugung immer größerer Gütermengen immer weniger lebendige Arbeit benötigt
wird. Zugleich ist der Kapitalismus dazu übergegangen, dort zu produzieren, wo die
Arbeitskosten weltweit am geringsten sind. Deshalb tritt seine »Globalisierung«
zunehmend im Gewand einer De-Industrialisierung der klassischen
Akkumulationszentren in Erscheinung, und die von den Propagandisten des Kapitals
verhöhnte Marxsche Verelendungstheorie realisiert sich unter umgekehrten
Vorzeichen. Die Massenarmut kehrt im Prozess der D-Industrialisierung in die
Metropolen zurück, und dabei scheint auch ihre historische Spaltung in
Arbeiterklasse und Subproletariat rückgängig gemacht zu werden. So betreten die
»classes dangereuses« wieder die historische Bühne.
Den Denkfabriken des Kapitals ist diese Tendenz nicht verborgen geblieben. Schon
in den 1980er Jahren sind die herrschenden Klassen der USA dazu übergegangen,
die Massenarmut vorbeugend zu filtern und ihre potentiell gefährlichen Elemente
hinter immer höheren Gefängnismauern wegzuschließen. Im neuen Gulag-System
der USA sind inzwischen 2,2 Millionen Menschen interniert, und weitere 7,8 Millionen
unterliegen der Justizaufsicht, das heißt sie können bei der geringsten
Unangepasstheit wieder inhaftiert werden. Diesem Trend sind die EU-Länder bislang
nur begrenzt gefolgt. In Deutschland und Italien ist statt dessen eine weniger
auffällige Technik der Ruhigstellung der Ausgegrenzten und Gestrandeten in Gang
gekommen. Sie werden entmündigt, psychiatrisiert und anschließend von den
gemeindepsychiatrischen Zentren kontrolliert und medikamentös ruhig gestellt. Ihre
Zahl hat sich in den letzten fünf Jahren verdreifacht. Sicher hätten es sich die Väter
und Mütter der italienischen und deutschen Psychiatriereform nicht träumen lassen,
dass ihre in bester Absicht betriebenen Initiativen zur Auflösung der großen
Verwahranstalten und zur Durchsetzung einer humaneren Gemeindepsychiatrie auf
derart zynische Weise instrumentalisiert werden könnten.
Wo man derartig mit der »hausgemacht« entstehenden Massenarmut umgeht, haben
die Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten ohnehin keine Chance. In einem
weit gesicherten europäischen beziehungsweise zentralamerikanischen Vorfeld - der
»Schengener Grenze« und dem neuen Grenzregime im Süden der USA- werden sie
inzwischen vor dem Zutritt abgefangen. Soweit sie nicht umgehend deportiert
werden, wird die Bewegungsfreiheit der Zugewanderten drastisch beschnitten.
Gleichzeitig wird der erneuerte kollektive Kolonialismus die Menschen der Peripherie
auf ihren Subkontinenten wieder einfrieden. Wie dies im einzelnen geschehen soll,
wurde im Irakkrieg durchexerziert. Während des Golfkriegs von 1990/91 waren unter
den unfreien Migrationsarbeitern der Golfstaaten und den irakischen Minderheiten
noch Massenfluchten ausgelöst worden. Im vergangenen Jahr sorgten die
angelsächsischen Expeditionstruppen dagegen in einem makabren Zusammenspiel
mit den irakischen Verwaltungsbürokratien dafür, dass Massenfluchten unterblieben.
Alles in allem haben wir ein Projekt zur Polarisierung und Re-Proletarisierung der
Weltgesellschaft vor uns, die zum Spielball einer neuen Spirale der »endlosen
Kapitalakkumulation« geworden ist. Dieser Umbruch erfolgt nicht spontan, sondern
wird durch die Herrschaftszentren des Weltsystems vorangetrieben. Jedoch ist es
ziemlich wahrscheinlich, dass sie in absehbarer Zeit die Kontrolle über ihn verlieren,
und dass das Weltsystem auf eine chaotische Transformationsperspektive zusteuert,
deren Ergebnis völlig ungewiss ist.
Wie unsicher sich die Akteure selbst über den Ausgang ihrer
Transformationsinitiative sind, bezeugt der Aufwand, den sie betreiben, um ihre
Vorgehensweise medial, sprachlich und ideologisch abzusichern. Die Reaktion
definiert sich als »Reform«, aus den Entmündigungsgesetzen werden
»Betreuungsgesetze«, und in Zeiten steigender Massenerwerbslosigkeit werden die
neuen Instrumente zur Arbeitserzwingung als »aktivierende Sozialpolitik« verharmlost.
Im Dienst dieser semantischen Umdeutungen werden die Medien zum wichtigsten
Scharnier zwischen den herrschenden Kapitalgruppen, den Entscheidungsträgern
der großen Transformation, und den politischen Klassen als ihren Erfüllungsgehilfen.
Tag für Tag produzieren und reproduzieren die Medien semantische Verdrehungen
und visualisierte Lügen, um eine zweite, rein virtuelle Realität hervorzubringen,
welche die katastrophalen Folgen des Restaurationsprozesses in Erfolgsberichte
ummünzt. Wer nur im Reich dieser virtuellen zweiten Wirklichkeit zu Hause ist, kann
keine Erfahrungen mehr sammeln und keine sozialen Lernprozesse mehr
mitgestalten, weil er von seinen Mitmenschen isoliert ist und die Wirklichkeit der
harten sozioökonomischen Tatsachen nicht mehr wahrnimmt. Diese beiden
Funktionen erklären die Macht der Medien: Sie haben die politischen Klassen
einzugemeinden und bei den Objekten der Restauration alle gesellschaftlichen
Kommunikationsstrukturen, die elementaren Voraussetzungen für soziale
Lernprozesse, vorbeugend zu zerstören. Dank der Medien ist der Kapitalismus in
Dimensionen der »Gouvernementalität« (Michel Foucault) hineingewachsen, vor
denen die Herrschaftsinstrumente der voraufgegangenen Akkumulationszyklen
verblassen. Er hat begonnen, die langen Dauern des Mentalitätswandels zu
manipulieren und zu verkürzen, indem er die bislang mit ihnen verknüpft gewesenen
gesellschaftlichen Erfahrungszusammenhänge beseitigt.
Gegenperspektiven |
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Wie könnten die Umrisse einer Gegenperspektive aussehen, die die Entschiedenheit
zum Widerstand mit Vorstellungen über eine humane und sozial gerechte Welt
verbindet? Über diese Frage ist inzwischen weltweit eine breite Diskussion in Gang
gekommen, und sie beginnt immer deutlichere Konturen anzunehmen.
Im Rahmen dieses Beitrags kann ich nur auf einige Aspekte verweisen, die mir
besonders wichtig erscheinen. Ich werde abschließend einige Hypothesen über die
elementaren Voraussetzungen eines neuen emanzipatorischen Aufbruchs, über die
Offenheit der aktuellen Situation und über erste mögliche Handlungsansätze
formulieren.
Die vier Voraussetzungen eines Gegenprogramms |
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Ansatzpunkte zu realistischen Gegenprogrammen und aussichtsreichen
Handlungsmöglichkeiten gibt es meines Erachtens nur noch in einer internationalen
Perspektive. Die Nationalstaaten und die aus ihnen hervorgegangenen
übernationalen Blockbildungen (EU, NAFTA usw.) sind der neokonservativen
Radikalisierung des kapitalistischen Weltsystems nicht mehr gewachsen. Die
Gegenperspektive sollte sich vor allem nicht in Block-Konzepte einbinden lassen,
denn dann würde sie nur Teil eines vielleicht noch gefährlicheren Umschlags des
globalisierten Netzwerkkapitalismus in katastrophale innerimperialistische
Machtkonflikte.
Zum zweiten bin ich davon überzeugt, dass die Eroberung der politischen Macht kein
Weg mehr ist, der zum emanzipatorischen Ziel hinführt. Die »traditionellen
antisystemischen Bewegungen« (Immanuel Wallerstein) der Arbeiterbewegung
wollten die gesellschaftliche Befreiung über den Staat in Gang bringen und
vollenden. Dieses Projekt ist gescheitert. Aus dem Untergang des so genannten
Realsozialismus können wir nur noch lernen, vor welchen strategischen
Fehlentscheidungen wir uns hüten sollten. Auch aus dieser Perspektive sind der
Nationalstaat und die durch ihn begründeten Blockbildungen für uns kein Adressat
mehr.
Aussichtsreich erscheint mir deshalb nur noch ein breites soziales Bündnis, das von
den SubproletarierInnen der neuen Massenarmut über die ungesichert Beschäftigten
und die industrielle Arbeiterklasse bis zu den selbständigen Arbeiterinnen und
Arbeitern alle Verlierer des Umbruchs einbezieht, also zwei Drittel bis drei Viertel der
Gesellschaft. Es gibt keine »zentrale Arbeiterklasse« mehr. In jedem Standort werden
andere Segmente des neuen Proletariats überwiegen, in den Schwellenländern
sicher auch einmal die Belegschaften großer Industriebetriebe. Aber aus der
Gesamtperspektive lässt sich keine Priorität für eine spezifische Schicht - seien es
Erwerbslose, Jobber, Scheinselbständige oder Industriearbeiterinnen und -arbeiter -
mehr festlegen. Vielleicht hat die Festlegung der historischen Arbeiterbewegung auf
jene Klassensegmente, die aus zumeist männlichen freien Lohnarbeitern bestanden
- beispielsweise die Facharbeiter oder die Massenarbeiter des Fordismus -, schon
immer ihre Perspektiven und Aktionsmöglichkeiten unnötig eingeengt.
Das Klassenbündnis aller derjenigen, die ihre Arbeitskraft vermieten oder
Sozialeinkommen beziehen müssen, um leben zu können, ist viertens nur auf der
Grundlage gemeinsamer Rahmenbedingungen und Vereinbarungen möglich. Seine
entscheidende Voraussetzung aber ist und bleibt die konsequente innere
Demokratie. Ich halte diese Hypothese für besonders wichtig, und deshalb möchte
ich sie etwas näher erläutern:
a) Nur in basisdemokratischen Strukturen lässt sich die elementare Forderung nach
sozialer und politischer Gleichheit jenseits von Klasse, Geschlecht und Ethnizität
dauerhaft verwirklichen. Mit dieser Grundforderung nehmen wir zugleich die Ziele
vorweg, auf die sich eine Gegenperspektive verständigern sollte: Keine Macht für
niemand - kein Eigentum für niemand - kulturelle Gleichberechtigung alles
Heterogenen.
b) Auf allen Ebenen des sich organisierenden Gegenprojekts sollte ein konsequentes
Delegations- und Rotationsprinzip durchgesetzt werden, um die Entstehung neuer
abgehobener Funktionärsschichten von vornherein zu vermeiden. Diese Forderung
erscheint banal. Aber wer sich nicht erst seit gestern für emanzipatorische
gesellschaftliche Perspektiven engagiert, weiß, wie wichtig eine schon im Vorfeld
des Neubeginns getroffene Verabredung über diese Frage ist.
c) Das Bündnis hat nur dann eine Perspektive, wenn die inneren Strukturen seiner
Partner und Teilnehmer demokratisiert werden. Deshalb sollten auf mittlere Sicht bei
allen Bündnispartnern basisdemokratische Strukturen geschaffen werden.
Beispielsweise ist es sehr zu begrüßen, dass einzelne DGB-Gewerkschaften
inzwischen auf die Zusammenarbeit mit den sozialen Bewegungen Wert legen. Für
die Vertiefung zum Bündnis wären jedoch einige Voraussetzungen zu klären, die
keineswegs auf die lange Bank geschoben werden können. So wären die extrem
hohen Gehälter der Gewerkschaftsspitzen auf ein vertretbares Niveau zu senken.
Sicher würde die Mehrheit dieser Spitzengruppe daraufhin kündigen, aber dies wäre
nur zu begrüßen, weil sie qua Einkommen und Habitus nicht einer Gegenperspektive
zuneigen, sondern im Innersten der politischen Klasse der Deregulierer angehören.
Darüber hinaus sollten sich die Gewerkschaften von den Knebelungen des
Betriebsverfassungsgesetzes - Stichwort: Aufsichtsratsmandate - und von der
Mitbestimmung verabschieden, nachdem die Kapitalseite den historischen
Kompromiss von 1944 längst informell aufgekündigt hat.
In allen diesen Fragen sollten wir uns keinen Illusionen hingeben und nichts auf die
lange Bank schieben. Auch die linken Gewerkschaftsgruppen sollten sich einmal
darüber Rechenschaft ablegen, inwieweit sie von den Gewerkschaftszentralen nur
deshalb toleriert werden, weil sie einen für das Image unverzichtbaren Rest von
Basis-Aktivismus aufrecht erhalten. Letztlich werden sie aber nur nützliche Idioten
bleiben und immer auf der Stelle treten, solange sie nicht die Frage nach der
innergewerkschaftlichen Demokratie auf die Tagesordnung setzen. Solange sind
auch sie für die Masse der Beschäftigten unglaubwürdig und werden zwischen der
skeptischen Zurückhaltung der Belegschaften und der Blockadepolitik der
Gewerkschaftsleitungen zerrieben.
Die Offenheit einer emanzipatorischen Perspektive |
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Wir sind Teil eines seit über 500 Jahren bestehenden Systems, das sich gegenwärtig
in einem gravierenden Umbruch befindet, ohne dass sich dabei irgendwelche
historische »Gesetzmäßigkeiten« ausfindig machen ließen, von denen wir ableiten
könnten, wohin die Reise gehen wird. Es ist völlig unklar, ob die als »Deregulierung«
bezeichnete Umlenkung der Kapitalakkumulation in das Innere der gesellschaftlichen
Reproduktion wirklich gelingt, denn dies würde zur Zerstörung jeglicher
Gesellschaftlichkeit führen. Genau so unsicher sind die Chancen des Widerstands
und einer darauf aufbauenden Gegenperspektive. Selbst eine globale soziale
Konfrontation ist denkbar, bei der sich keine der beiden zentralen Konfliktparteien
durchsetzt, so dass aus der sich dann ergebenden Patt-Situation eine völlig neue
Gesellschaftsformation hervorgehen könnte, die weder etwas mit den
Restaurationsvorstellungen der kapitalistischen Denkfabriken noch mit unseren
sozialistischen Erneuerungshoffnungen zu tun hat. Die Richtung, die der Umbruch
nehmen wird, ist deshalb völlig offen. Gewiss wird der Widerstand gegen das seit
Ende der siebziger Jahre vorangetriebene neokonservative Projekt Massencharakter
annehmen, denn das ihm innewohnende Programm grundsätzlicher sozialer
Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist für die große Mehrheit der Menschheit
unerträglich. Der Ausgang der Konfrontation ist jedoch völlig offen: So offen, wie er
es in der Großen Depression der 1930er Jahre war. Damals waren Faschismus und
zweiter Weltkrieg das traurige Ergebnis. Heute sind chaotische Zustände
wahrscheinlicher, die sich unterhalb der Ebene weltweiter militärischer
Konfrontationen abspielen und in 20 bis 30 Jahren zu einer wie auch immer
gewandelten komplexen Gesellschaftsformation überleiten.
Auf jeden Fall bewegen wir uns auf ein Chaos zu. In dieser Phase der Instabilität
können auch kleinere Initiativen große Wirkungen erzielen, wie Immanuel Wallerstein
in seiner »Utopistik« betont hat. Wenn wir uns klar machen, dass ein Durchbruch zu
mehr sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit keineswegs gesetzmäßig ist; wenn wir
also die Falle der sich von selbst gesetzmäßig verwirklichenden »Utopie« umgehen
und mit einem möglichst großen Maß an Skepsis vorgehen, haben wir noch am
ehesten die Chance, etwas zu bewirken. Gleichzeitig bewahren wir uns vor allzu
großen Desillusionierungen.
Umrisse einer neuen Vermittlung zwischen konkretem Handeln und Gegenperspektive |
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Bei jedem handlungsorientierten Ansatz wäre vom jeweiligen lokalen »Standort«
auszugehen, wo es handlungsbereite Menschen gibt und ihre Assoziation zu einem
Bündnis gegen den Sozialkahlschlag möglich ist. Denn das vernetzte kapitalistische
Weltsystem besteht heute aus 700-800 Standorten plus jeweiligem Hinterland. Wenn
wir uns in diesen Standorten verankern, befinden wir uns innerhalb der
entscheidenden Nervenzentren des Weltsystems, von denen aus die
Weltinstitutionen, supranationalen Machtblöcke und Nationalstaaten dirigiert werden.
Je nach der sozialen Zusammensetzung der Standorte könnten im Prozess des
Aufbaus der ersten Kommunikationsnetze spezifische Aktionsformen entwickelt und
erprobt werden. Generell denkbar wären Initiativen zur Durchsetzung eines
existenzsichernden Mindestlohns, von radikaler Arbeitszeitverkürzung und
betrieblicher Demokratisierung. In unseren Breiten könnte man hier an die
Erfahrungen der Jobber- und Erwerbslosenbewegungen der 1980er Jahre
anknüpfen, aber auch an die Praxis der neuen italienischen und französischen
Basisgewerkschaften; die hiesige Gewerkschaftslinke könnte hier ihren Platz finden,
falls das Projekt der innergewerkschaftlichen Demokratisierung misslingen sollte.
Dass in vielen Schwellenländern ganz andere Voraussetzungen bestehen und
beispielsweise die in den maquiladores ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeiter
eine wesentliche Rodle spielen werden, versteht sich von selbst.
Parallel zu diesen Aktivitäten in der Produktions- und Verteilungssphäre könnten
Stadtteilbüros gegründet werden, in denen die vom Sozialkahlschlag Betroffenen
beraten werden, zugleich aber auch selbstorganisierte Netze der sozialen
Kommunikation (lokale Radios und TV-Stationen) und der sozialen Aneignung
aufbauen. Diese soziale Aneignung könnte man konkret - Gebührenboykott - , aber
auch perspektivisch verstehen: Die Sozialfonds, Bildungseinrichtungen und das
Gesundheitswesen sollten in kommunale Selbstverwaltung zurückgeholt werden,
bevor sie vollends geplündert sind. Auch hier gibt es inzwischen erste Erfahrungen,
beispielsweise aus Berlin und Ostdeutschland.
Wie aber könnten derartige lokale Initiativen miteinander in Kontakt treten? Als
Brücke zwischen der lokalen Verortung und der weltweiten Vernetzung mit anderen
Standort-Bewegungen könnten vor allem die Flüchtlinge und Migrantinnen und
Migranten fungieren. Sie sind überall als kleinere oder größere Sozialgruppen
präsent, und es dürfte nicht schwer fallen, ihre ohnehin schon bestehenden
Kommunikationsstrukturen in das Gegenprojekt einzubeziehen, sofern sie an den
jeweiligen Standorten geschützt und als gleichwertige Partner respektiert werden.
Wenn es gelingt, beispielsweise die reichen Bremer Erfahrungen in der
antirassistischen Flüchtlingsarbeit in eine lokal oder regional vernetzte
Selbstorganisation einzubringen, dann wäre dies ein exemplarischer Schritt, der
vielleicht auch andernorts vollzogen werden könnte. Mittelfristig sollte aber auch die
Gründung global agierender Basisgewerkschaften - vor allem im Transport- und
Kommunikationssektor - hinzukommen.
Von großer Bedeutung wäre es nun, diese drei Komponenten eines social movement
unionism auf der jeweiligen Ebene einer lokalen beziehungsweise regionalen
Agglomeration miteinander zu verknüpfen und parallel dazu durch die Netzwerke der
MigrantInnen und Flüchtlinge, aber auch durch den Auf- und Ausbau internationaler
Transportarbeitergewerkschaften den globalen Kontext herzustellen.
Zu einem glaubwürdigen Gegenprojekt gehören aber auch Überlegungen und
Vereinbarungen darüber, wie eine sozial gerechte und egalitäre Welt in ihrem
globalen Kontext durchzusetzen wäre. Zweifellos kann eine ernsthafte Alternative
gegen die neokonservative Zurichtung der Welt nur aus ihren lokalen und durch die
MigrantInnen und Transport- und Kommunikationsarbeiter vernetzten
Gegenbewegungen hervorgehen. Aber diese Einsicht macht die seit einigen Jahren
forcierten Bemühungen um weltweite Gegenforen und die in diesen Kontexten
beispielsweise bei »attac« entstandenen Modelle für globale Alternativen nicht
gegenstandslos. Sie sollten allerdings über ihre punktuellen Ansätze (Tobin-Steuer)
hinaus getrieben und systematisiert werden. Ein Schritt dazu wäre die Auflistung der
wichtigsten Probleme, die nur noch auf Weltebene gelöst werden können, und das
Nachdenken über mögliche Strukturen zur Umsetzung. Hier muss ich mich mit ein
paar schlagwortartigen Hinweisen begnügen.
Zu den wichtigsten Aufgaben gehört zweifellos eine sofortige weltweite Abrüstung
und die Auflösung aller Armeen. Parallel dazu müssten die internationalen
Finanzmärkte liquidiert und ein globales monetäres Restrukturierungsprogramm mit
transkontinental egalisierender Tendenz aufgelegt werden. Darüber sollte jedoch
nicht die Dringlichkeit der Überleitung des Know how der internationalen
Rohstoffkonzerne und Energiekartelle zur Ingangsetzung eines egalisierenden und
zugleich ökologisch orientierten Weltenregieprogramms übersehen werden. Von
großer Bedeutung wäre auch die Entmachtung des internationalen Agro-Business
und die Entwicklung eines egalisierenden globalen Agrarprogramms. Dass auch die
Oligopole und Kartelle der Informations- und Medientechnologie durch global
greifende Technologieprojekte mit egalisierender Tendenz zu ersetzen wären,
versteht sich von selbst. Innerhalb der Internet- und Linux-Kultur gibt es ja durchaus
Ansätze in diese Richtung. Das ist eine sehr unvollkommene Liste, die lediglich die
Bedeutung dieser Reflexionsebene unterstreichen soll.
Auf welcher institutionellen Ebene sollte man aber ansetzen? Ich denke, dass es sich
lohnen würde, jene Weltinstitutionen zu studieren, die in den letzten Jahren des
zweiten Weltkriegs von den Alliierten geschaffen wurden. Zweifellos sind sie in der
Folgezeit durch den Kalten Kriegs und bei der Bekämpfung der
Befreiungsbewegungen der Drei Kontinente bis zur Unkenntlichkeit deformiert sowie
in den vergangenen zwei Jahrzehnten zur Initiierung der »Schocktherapien« des
globalen Sozialkahlschlags missbraucht worden. Wenn wir davon aber abstrahieren
und uns diese Modelle - vor allem IMF, Weltbank und Vereinte Nationen - in ihrer
ursprünglichen Konzeption ansehen, dann erscheinen sie als durchaus brauchbare
Ausgangspunkte: Als Ausgangspunkte wohlgemerkt, die durch eine kollektive
Repräsentation der global vernetzten Alternative demokratisiert und in Instrumente
einer weltweit greifenden sozialen und wirtschaftlichen Egalisierung umgewandelt
werden müssen. Sie könnten dann als Dachkonstruktion eines föderativ-egalitären
Projekts angesehen werden, das den Globus umspannt und das immer stärker zur
Barbarei tendierende neokonservative Projekt beendet.
Schlussbemerkung |
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Das alles sind nur erste Überlegungen. Jedoch sprechen gewichtige Annahmen
dafür, dass es drei wesentliche Elemente sein werden, die geeignet sein könnten,
eine realistische Gegenperspektive mit Leben zu füllen: Erstens die Maulwürfe der
sozialen Gegenbewegungen in den Agglomerationen, zweitens die Netzwerke der
MigrantInnen sowie die AktivistInnen einer weltweit agierenden gewerkschaftlichen
Basisbewegung, und drittens die »organischen Intellektuellen«, die in diesen
Netzwerken verankert sind und auf den globalen Gegen-Foren über die Wege zu
einer sozial gerechten und egalitären Welt nachdenken.
In diesem Sinn sollten wir gemeinsam an die Arbeit gehen - skeptisch und vorsichtig,
aber auch im Vertrauen darauf, dass eine Wende zu sozialer Gleichheit und
Gerechtigkeit grundsätzlich möglich ist.
(Aufsatzfassung der Rede, die Karl Heinz Roth auf der Aktionskonferenz des
»Bündnis gegen Sozialkahlschlag und Bildungsabbau« am 20.02.04 in Bremen
gehalten hat. Die Rechte für den Druck hat die Zeitschrift »analyse und kritik« - ak - in
Hamburg)
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