Am 15. November 2004 erreichte dieser Erfahrungsbericht aus Hamburg das Soziale Zentrum.
Man könnte denken, dass es sich um bösartige Satire handelt.
Einige Tage später berichteten aber auch verschiedene Medien über die Praxis der HAB (Hamburger Arbeits-Beschaffung).
Hallo,
ich habe heute einen schriftlichen, persönlichen, Erfahrungsbericht
einer Frau zu einem 1Euro-Job (vor 1 Woche begonnen - noch freiwillig)
bekommen, der Euch vielleicht (hoffentlich) interessieren wird. Ihr
könnt ihn bei Bedarf gern weiterleiten...
»Letzten Montag, erster offizieller Arbeitstag und Einweisung.
Zuerst haben wir alle Arbeitskleidung erhalten:
blaue Latzhosen und Jacken, wo groß draufsteht: HAB Eidelstedt ( HAB =
Hamburger-Arbeits-Beschaffung ) Das muß so sein, damit alle anderen
Menschen sofort sehen, mit wem sie es zu tun haben (?????), so hat der
»Fallmanager« ( so nennen sich die zuständigen
Betreuer/Einweiser/Aufpasser ) es erklärt.
Danach theoretische Einweisung und Verhaltensregeln. Wir haben erfahren,
daß es den ganzen Tag dauern würde und wir nicht auf die
Straßen/Grünanlagen gehen werden.
Einer hat gefragt, warum sie dann diese Latzhosen und Stiefel den ganzen
Tag tragen müssen, wenn sie nicht die Grünanlagen sauber machen und nur
in diesen Räumen rumlaufen sollen....
Antwort: »Damit wir uns an Arbeitskleidung gewöhnen. Und um 6.00 Uhr
anzufangen, daß ist auch nur, damit wir lernen morgens aufzustehen.«
Wir sind dann darauf hingewiesen worden, daß wir natürlich keinen
Alkohol trinken dürfen, keine Drogen nehmen dürfen, uns nicht
prügeln und nicht gegenseitig sexuell belästigen dürfen.
Sehr ausführlich (ca. 2 stunden!) hat dieser Fallmanager uns dann
erklärt, wo sexuelle Belästigung anfängt. Schon bei Blicken .....und wir
müssen immer in der Kolonne bleiben, niemals dürfen sich eine Person
weiblichen Geschlechts und männlichen Geschlechts zusammen von der
Kolonne entfernen. Denn dann könnte es zu sexuellen Übergriffen kommen.
Er, der »Fallmanager« darf auch nie mit einer weiblichen Person alleine
reden, denn die könnte ihn dann anzeigen, wegen sexueller Belästigung,
oder versuchter Vergewaltigung.
Es gibt zwei Gruppen, Jungerwachsene und Erwachsene. Es wurde den
Erwachsenen dann auch gesagt, sie dürfen keinen Kontakt zu den
Jungerwachsenen haben. weil sie, diese arbeitslosen Erwachsenen ein
schlechtes Beispiel sind. Deshalb sind die Jungerwachsenen in einer
Einrichtung in Volksdorf.
Nun sind in der einen Gruppe auch Menschen, die z.T. bis vor zwei/drei
Jahren gearbeitet haben, jetzt über 50 sind, Kinder groß gezogen haben
und vorher noch nie arbeitslos waren. Hinzu kommt, daß alle, die jetzt
schon da »eingewiesen« werden, freiwillig gesagt haben, sie möchten so
schnell, wie möglich arbeiten und nicht zu Hause rumsitzen und bis zum
1.Januar warten...
Einige haben sich gefühlt, wie in einer Erziehungsanstalt und teilweise
haben wir gedacht, wir sind alle Schwerverbrecher.
Eine Aussage des »Fallmanagers«:
*Es werden keine Arbeitsplätze vernichtet, daß ist alles Quatsch, was da
an »Gerüchten« immer wieder auftaucht und natürlich werden alle 1
Euro-Jobs nur für gemeinnützige Arbeit verwendet !*
1 Euro-Job-Arbeiter nehmen jedoch auch kostenlose Praktikumsstellen in
Anspruch und das natürlich nur in der Hoffnung, anschließend mit einem
normalen Lohn festangestellt zu werden. Eine hat den Antrag auf den
Praktikumsplatz gestellt und wenn ich das richtig verstanden habe,
muß der Betrieb noch nicht mal den einen Euro pro Stunde zahlen, daß
läuft weiter über das Sozialamt. Ein anderer Kleinstbetrieb würde sofort
auch so einen Praktikumsplatz stellen, den einen Euro auch gerne
bezahlen. Er braucht dringend einen Mitarbeiter und so eine günstige
Arbeitskraft zu bekommen, ohne jegliches Risiko und Verantwortung wäre
doch eine gute Sache. Vielleicht wäre er dann sogar bereit, einen
zuverlässigen Mitarbeiter auch tatsächlich festanzustellen.....
Wir sind jedoch der Meinung, es werden Arbeitsplätze vernichtet und
diese 1 Euro-Jobs werden für viele noch ungeahnte Folgen haben.
Als Beispiel dazu: die Freundin meiner Schwester hat natürlich im
Bekanntenkreis auch über dieses Praktikum und 1Euro-Job gesprochen und
gleich ein Angebot bekommen, meine Schwester könnte bei einer weiteren
Bekannten arbeiten, die würde ihr dann schwarz zusätzlich 7.-Euro
bezahlen, entweder soll sie die behalten, oder mit der Freundin teilen,
da die schließlich die Anträge für das Praktikum unterschrieben hat.
Also Möglichkeiten ohne Ende
Wann es nun wohl die ersten Praktikumsvermittler für 1Euro-Job-Arbeiter
gibt? Ob auf die Idee nicht schon mehrere gekommen sind? Für mich ist
unvorstellbar, was da abläuft und noch ablaufen kann.
Natürlich haben in der Vergangenheit Unternehmen teilweise mit diesen
kostenlosen Praktikumsplätzen auch schon Leute ausgebeutet, weil sie zu
keinem Zeitpunkt vorhatten, wirklich jemanden einzustellen, aber nun
wird das ja noch richtig unterstützt. Diese Praktikumsplätze sind
natürlich nicht mit den Praktikumsplätzen zu verwechseln, die Studenten,
bisher Umschüler, teilweise Berufsanfänger gebraucht haben und auch in
Zukunft noch brauchen.
Die ersten Tage waren rum. Die restlichen Tage sahen dann so aus,
daß alle weiterhin in diesem Gebäude waren. Nicht *einmal *etwas
»sinnvolles« tun durften. Der Tagesablauf sieht so aus, daß z.B. ein
gelernter Maler, 54 Jahre (zum ersten mal seit ca.2 Jahren arbeitslos),
dort aufgestellte Wände streichen muß. Zuerst in weiß, dann in blau,
immer so weiter, bis die Wand »kaputt« gestrichen ist, dann wird sie
entsorgt und eine neue aufgestellt. Daneben steht eine Wand, da
muß Einer, auch über 50 (seit ca. 3 Jahren arbeitslos, vorher nie )
Fliesen dran kleben, die dann wieder abgehauen werden und dann wieder
neue Fliesen dran. Wieder ein anderer muß eine Mauer mauern, die wird
immer wieder, wenn eine gewisse Größe erreicht ist umgetreten, dann
wieder aufgebaut..... Eine Ungelernte, hat Teppichreste bekommen und
mußte den ganzen Tag mit einem Teppichmesser Teile davon abschneiden und
gleich in einen Müllsack schmeißen. Wenn mensch nun denkt, daß sie
das machen sollte, um zu lernen, wie man Teppichboden verlegt, oder die,
die nicht streichen können, von dem Maler etwas lernen sollten.....Nein,
keiner sagt, ob richtig gestrichen, gemauert usw, wurde....
Sie haben auch »Putzfrauen«. Da haben sie welche aus der Gruppe
genommen, die müssen immer wieder den selben Flur putzen. Wenn er sauber
ist, kommt eine festangestellte Mitarbeiterin der HAB mit einem Eimer
voll »Schmierdreck« und macht den Flur wieder dreckig. Und dann müssen
sie wieder von vorne anfangen diesen Flur zu putzen, acht Stunden am
Tag....................................
Schon am Donnerstag hat eine wissen wollen, wann sie denn nun endlich
wirklich arbeiten können, denn das kann es wohl nicht sein und sie fühle
sich, wie die anderen auch völlig verarscht. Antwort vom »Fallmanager«:
Richtige Arbeit haben wir noch nicht für sie, da kommen
demnächst Angebote und sie müßten die Leute nun eben einfach irgendwie
beschäftigen, darum ist es völlig egal, was für Teppichstücke
geschnitten werden, denn die kommen sowieso gleich auf den Müll...
Kamen Vorschläge, ob sie dann nicht wenigstens, wie eigentlich
angekündigt Hamburgs Straßen, Grünanlagen usw, sauber machen könnten,
gerade jetzt mit dem ganzen Laub wäre doch da genug zu tun, oder im
Altersheim, wo so ein Mangel besteht.......Nein alles nicht möglich, bis
auf weiteres haben sie jeden Tag da zu erscheinen und diese sinnlosen
Arbeiten zu verrichten. Sie könnten sich aber ja alle um einen
Praktikumsplatz bewerben und noch besser endlich sehen, daß sie selber
Arbeit finden. Die ersten haben schon Depressionen, weil sie da
überhaupt nicht mit klar kommen, wie sie da behandelt werden und ich
kann so einen Wahnsinn auch nicht nach vollziehen..........
Einer, der vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat gesagt, so
schlimm war es noch nicht mal im Gefängnis und da wußte er wenigstens,
er hat »Mist« gemacht und muß nun seine Strafe dafür absitzen. Das hat
er gemacht und möchte nur arbeiten, daß er nun schlimmer behandelt wird,
daß hätte er sich nicht vorgestellt.
Auch die fehlenden Arbeitsschutzmaßnahmen sind ganz schlimm. Die Leute,
die da mauern müssen, rühren z.B. den ganzen Tag ja immer wieder Zement
an und haben keine Atemschutzmasken bekommen. Einer mußte den ganzen Tag
eine Tür abschleifen, war schon über und über mit diesem feinen Staub
voll. Eine Teilnehmerin hat ihm dann so eine Atemschutzmaske besorgt,
weil sie es nicht mehr mit ansehen konnte. Sie meint die werden auch
gesundheitlich einem großen Risiko ausgesetzt und da will sie nun auf
jeden Fall etwas unternehmen. Die Farben, sind auch Lackfarben dabei,
stinken so grausam, schon dieser Gestank ist zum Teil nicht auszuhalten.
Der »Fallmanager« ist übrigens selbst Gewerkschaftsmitglied. Auf die Frage, ob *er* denn nicht etwas gegen diese Zustände unternehmen könnte, antwortete er: Nein, das könne er nicht, er wundere sich zwar selbst schon ein wenig, aber die Gewerkschaften können hier nicht helfen, weil es sich nicht um Arbeitsverhältnisse handelt........«
Viel gebe es da noch zu schreiben, aber ich wollte Dir nur ein wenig aus der Praxis, dieser ersten 1Euro-Jobs schreiben.....
Der Name des Übermittlers ist der Homepage-Redaktion bekannt.