Die Linke muss mehr als Sand im Getriebe werden ...

Hartz IV - Sozialer Angriff und Widerstand

Am 01.01.2005 ist trotz lautstarker Proteste Hartz IV in Kraft getreten. Es scheint sinnvoll, soweit möglich, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Wir wollen das punktuell unter zwei konkreten Blickwinkeln versuchen, die über die direkte Konfrontation im Alltag hinausgehen. Es ist davon auszugehen, dass die Agenda 2010 soziale, politische und ökonomische Lebensbedingungen sehr vieler Menschen verändert hat und dies weiter tun wird. Angeregt von den AutorInnen des Schwarzbuches Hartz IV (Hg.: Agenturschluss, Verlag Assoziation A) haben wir Anne Bernheim und Detlef Hartmann eingeladen, um mit ihnen die neuen Formen der Umstrukturierung (am Beispiel ,der Ein-Euro-Jobs' einschließlich der Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft) sowie die Perspektiven des Widerstandes gegen diese neuen Formen der Verwertung zu diskutieren. Wir laden herzlich ein:

Wir werden hier kontrolliert arbeitslos gehalten ...

Ein-Euro-Jobs als Mittel zur Disziplinierung der gesamten Gesellschaft

Diskussionsveranstaltung mit Anne Bernheim am Mittwoch, den 26.04.2006 um 20.00 Uhr im Buchladen Rote Strasse, Nikolaikirchhof 7

Obwohl Ein-Euro-Jobs auch heute bis weit über linke Kreise hinaus umstritten sind, haben sie sich zum Shooting-Star der Hartz-Reformen entwickelt: 270.000 Betroffene waren allein im ersten Halbjahr 2005 gezwungen, in solch einer Maßnahme zu arbeiten, die die Bezeichnung Job kaum verdient. Hier wird die Verknüpfung fremdbestimmten Arbeitens mit der Auszahlung von Lohn aufgehoben. Arbeit findet in dieser Form aber nicht nur ohne Entlohnung, sondern auch ohne jegliche soziale Absicherung, geschweige denn Unfallschutz, statt.
Dennoch fassen Analysen, die hier einzig den Trend zur verstärkten Gängelung von Erwerbslosen sehen wollen, nicht den gesamten Zusammenhang. Neben aller Disziplinierung zielt das Ein-Euro-Job-Programm auf den Umbau zum Workfare-Staat mit tiefgreifenden Konsequenzen für alle Arbeitsverhältnisse. Niedriglohnsektor und Prekarität gewinnen an Bedeutung, Reproduktionsarbeit wird neu bewertet und mit der Strategie der "Responsabilisierung" verabschiedet sich die sogenannte "bürgerliche Zivilgesellschaft" vom alten Mindestmaß an kollektiver Sozialstaatssolidarität und produziert neue Spaltungen oder den Ausschluss aus der Gesellschaft.

Abrichtung und Revolte

Diskussionsveranstaltung mit Detlef Hartmann am Mittwoch, den 24.05.2006 um 20.00 Uhr im Theaterkeller, Geismarldstr. 19

Die aktuelle, gewaltsame Umstrukturierung des Kapitalismus zerschlägt bestehende Arbeitsabläufe, soziale Sicherungssysteme und politische Vermittlungsinstanzen. Die neue Qualität besteht aus einer Erweiterung des Zugriffs auf den Menschen: Wissen und Affektivität werden für den Produktionsprozess umfassend verwertbar gemacht (also der gesamte Mensch mit allen seinem Fähigkeiten, nicht nur mit seiner Arbeitskraft). Der rebellische Eigensinn soll in eine Verpflichtung zur selbstinitiierten Unterordnung umgeformt werden. Zugleich stellt dieser Anspruch auf bisher umfassendste Verwertung des Menschen die Existenzberechtigung der Einzelnen bei mangelnder Bereitschaft zur Unterwerfung in Frage. So entstehen neue Konfrontationen zwischen kapitalistischen Verwertungsansprüchen und dem Anspruch auf eine menschenwürdiges Leben. Die Riots in Frankreich, der Zug der MigrantInnen in die reichen Länder des Nordens und auch der Kampf bei Gate Gourmet sind Beispiele dafür.
Gegen die kapitalistischen Angriffe und den ‚radikalen' Neoreformismus bei Attack, der Linkspartei und selbst innerhalb linksradikaler Kreise muss die Linke lokal und global ein Projekt begründen, in dem emanzipatorische Kämpfe und ein Leben außerhalb des kapitalistischen Verwertungsanspruchs im Mittelpunkt stehen. Und nicht zuletzt brauchen wir eine Strategie, die die Mobilisierung gegen das G-8-Treffen in Heiligenhafen 2007 aus der Umklammerung eines "eine-Welt-ist- möglich-Reformismus" lösen und die Sprengkraft der Manifestation einer weltweiten "one big union" entwickeln kann.
VeranstalterInnen: Soziales Zentrum., Geschichtswerkstatt, Infoladen, Theaterkeller, Buchladen Rote Strasse