So lang mer noch Wetter hamm ...
Warum wir das Soziales Zentrum aufgeben haben.

Nach einem Vorlauf von etwa einem Jahr eröffneten wir im Oktober 2004 das Soziale Zentrum Göttingen, in den Räumen in der Geiststr. 2. Nach ca. 2 ˝ Jahren haben wir den Ansatz Soziales Zentrum beendet. Seit April 2007 gibt es kein Soziales Zentrum mehr in Göttingen. Vor ein paar Wochen haben wir in einer Mitteilung von der problematischen finanziellen Situation gesprochen, in der wir uns befinden. Dies ist zwar richtig, aber nicht der entscheidende Grund für die Beendigung des Sozialen Zentrums.


Zur finanziellen Situation
Zur Unterhaltung der Räume und zur Finanzierung notwendiger Ausrüstungen und anderer Aktivitäten benötigten wir jährlich mehrere tausend Euro. Die Benutzung der Räume und anderer Dinge sollte zudem grundsätzlich für andere kostenfrei sein. Da wir uns immer als Teil der sozialemanzipatorischen linken Bewegung verstanden haben, war klar, dass wir keine kommunale Sozialpolitik betreiben und uns dafür bezahlen lassen würden. Der Verzicht auf öffentliche Förderungen bedeutete aber, dass wir von Anfang an einen gewissen Teil unserer Aktivitäten in die Akquirierung von Knete stecken mussten.
Da wir nur ein sehr spärliches Spendenaufkommen hatten, war der Wegfall erhoffter Finanzzuflüsse im Laufe des Jahres 2006 ein Alarmsignal. Spätestens Mitte 2006 war klar, dass wir ein sehr sorgfältiges Finanzmanagement betreiben müssen, um uns nicht zu verschulden. Anfang 2007 war aber dann endgültig klar, dass wir uns mittelfristig verschulden, wenn wir wie bisher weitermachen würden.
Es gab nur noch zwei Optionen: Entweder wir stecken noch mehr Energie in die Knetebeschaffung oder wir beenden das Soziale Zentrum. Schon nach kurzer politischer Diskussion war klar, dass uns nur die zweite Option offen steht.
Wir beenden den Ansatz Soziales Zentrum aber schuldenfrei.

Warum die Beendigung des Ansatzes ‚Soziales Zentrum Göttingen' die einzig realistische Option war?
"Eine wirkliche Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt, entsteht nicht auf dem Papier und der Widerstand gegen das bestehende System ist keine Attitüde, sondern eine praktische Politik der Konfrontation, in der die verschiedenen Facetten der Blockade und des Widerstandes, des Ungehorsams und der Verweigerung zusammenkommen und das herrschaftliche Projekt bekämpfen. Dieser Kampf benötigt Orte, an denen diskutiert und sich informiert werden kann, an denen Unterstützung organisiert sowie Aktionen und Kampagnen geplant werden, in denen Menschen praktische Hilfen bekommen, um ihren Alltag zu bewältigen, ohne entmündigt zu werden, und in denen neue Wege gegangen werden." Mit diesen Worten luden wir im Januar 2004 zur Mitarbeit am Aufbau für ein Soziales Zentrum in Göttingen ein.
Die Initiative für ein Soziales Zentrum entstand in einer Phase als die Mitte 2004 anrollende Anti-Hartz-Bewegung noch nicht im geringsten absehbar war. Und doch war die Initiative eigentlich schon dieser kommenden Bewegung geschuldet: Der Impuls für die Schaffung des Sozialen Zentrums war in unserer politischen Einschätzung begründet, dass die rot-grünen Sozialreformen eine Konfrontationspolitik darstellten, die den sozialen Krieg in neuer Form in die Metropolen der Kapitalakkumulation verlängerten. Unsere Erwartung war, dass auch hier neue Konfrontationslinien entstehen würden. In diesem Prozess wollten wir uns verorten und das Soziale Zentrum war als Teil dieser von uns erwarteten Bewegung konzipiert.
Dabei versuchten wir die Struktur des Sozialen Zentrums konzeptionell offen zu halten, weil wir davon ausgingen, dass der sozialpolitische Angriff vor allem Gruppen mobilisieren würde, die nicht bruchlos in das traditionelle linke Bewegungs- und Organisationsschema integrierbar sind. Konzeptionelle Offenheit und linke emanzipatorische Politik verlangt natürlich trotz alledem nach Orientierungspunkten, die dies gewährleisten. Um einen politischen Institutionalisierungsprozess zu vermeiden war daher klar, dass wir weder Bündnisse noch eine Zusammenarbeit mit staatlichen oder staatstragenden Institutionen suchen oder eingehen werden und dass diese im Sozialen Zentrum auch nichts zu suchen haben. Statt dessen galt uns als Orientierung: "Das Soziale Zentrum Göttingen versteht sich als Teil des internationalen Kampfs um Emanzipation und ein besseres Leben. Es steht an der Seite aller Flüchtlinge, LandbesetzerInnen und Streikenden, die gegen Ausbeutung und das Kapital und für ein besseres und gleiches Leben und Überleben aller Menschen kämpfen."
Die Anfangszeit des Sozialen Zentrums war begleitet von reichlich Aktivitäten in unterschiedlichsten Bereichen. Besonders wichtig war für uns die Einrichtung des Mobilen Sozialen Zentrums: Zunächst als Notlösung für die fehlenden Räume und als Überbrückung bis wir feste Räume haben, gedacht, entpuppte sich diese Idee als wesentlich mehr. Mit dem MSZ besuchten wir nahezu alle Göttinger Stadtteile und hatten in der Regel sehr schnell und guten Kontakt mit den Menschen, die wir dort antrafen. Obwohl dies natürlich nicht immer leicht war und wir auch vieles zu hören bekamen, was uns nicht passte, war es insgesamt eine sehr positive Erfahrung: Eine Auseinandersetzung mit unseren Positionen war fast überall möglich und nirgends wurden wir als Spinner abgetan oder angemacht.
Im Oktober konnten wir dann die Räume in der Geiststr. anmieten und damit begann auch eine ganz neue Geschichte, mit sehr vielen Veränderungen gegenüber der vorigen Zeit.
Die wesentlichste Veränderung war, dass die im Spätsommer anlaufenden Anti-Hartz-Proteste unsere Analyse bestätigten, wegen derer wir die Initiative für ein Soziales Zentrum starteten. Es zeigte sich aber auch sehr schnell, dass die entstehende Bewegung im Westen wesentlich schwächer als im Osten Deutschlands war. Und schon nach wenigen Monaten war auch klar, dass die entstandenen neuen Bewegungsmuster und Aktions- und Organisationsformen sich nicht so weit entwickelt hatten, dass der politischen Taktiererei und der Einvernahmepolitik traditioneller BewegungspolitikerInnen und anderer IntergriererInnen substanziell etwas entgegengesetzt werden konnte. Und so verschwand die Bewegung im wesentlichen schon vor dem angekündigten ‚Heißen Herbst' von der Strasse oder institutionalisierte sich, häufig auch in neuen Formen.
Auch wir haben in diesem Prozess Federn gelassen, wobei zu den geschilderten politischen Großbewegungen auch hausgemachte Konflikte hinzukamen, wodurch nochmals viele Leute nicht weiter mitarbeiteten und wegblieben.
Sei es nun der Verlust vieler MitstreiterInnen oder eine politische Fehleinschätzung: letztlich wurden auch wir von der Wirklichkeit überrollt und haben an diesem Punkt zu wenig die neue Situation reflektiert. Im wesentlichen machten wir nämlich genau das weiter, was wir uns vor Beginn der Bewegung für das Soziale Zentrum vorgestellt hatten. Die dünner werdende personelle Decke führte aber dazu, dass sich unsere Aktivitäten immer enger um das Soziale Zentrum als konkretem Ort bewegten und wir die Überschreitung der eigenen Erfahrung, wie es das MSZ und die Besuche im Arbeitsamt und Jobcenter ermöglichten, immer mehr aus den Augen verloren. Immer wieder haben wir es uns vorgenommen an diesen Aktionsformen anzusetzen, und immer wieder haben wir es nicht geschafft. Statt dessen entwickelten wir eine Praxis, die entweder direkt an das Soziale Zentrum als Ort angekoppelt war oder den Konjunkturen der linken Bewegung in Göttingen folgte. Im ersten Fall war dies v.a. die Beratungsarbeit, im zweiten Fall Mobilisierungen wie bspw. die zur Fußball-WM: Für sich genommen alles sicherlich lobenswerte und notwendige Dinge. Mit der Entwicklung einer sozialemanzipatorischen linken Politik hatte dies aber nicht mehr sehr viel zu tun.
Wir waren also in dem Maße selbst immobil geworden, wie wir uns auf das Soziale Zentrum zurückzogen. Anstatt nach dem Abflauen der Bewegung wieder in die Stadtteile und zu den Leuten direkt zu gehen, haben wir gedacht, dass diese jetzt zu uns kommen müssten, weil wir ja diesen Ort genau auch für solche Situationen der Reflexion aufbauen wollten.
Und auch die Hoffnung, dass das Soziale Zentrum zu einem potenziellen Treffpunkte für neue Initiativen werden könne, erfüllte sich nicht. Als Beratungszentrum hat das Soziale Zentrum sicherlich einen guten Ruf und die unterschiedlichsten Personengruppen - vom Fabrikarbeiter aus dem Landkreis Northeim, über die Umschülerin und die autonome Antifa bis zum Göttinger Antideutschen - angezogen. Ein signifikanter Unterschied in der subjektiven Bearbeitung des ‚Problems Arbeitslosigkeit' oder Unterschiede in der Konfrontation mit den Verarmungsstrategien des Regimes sind nach unserer Erfahrung weder bildungsabhängig, noch eine Frage der politischen Gesinnung. Nun entsprach auch dies unserer grundsätzlichen Einschätzung, allein die Frage, wie sich diese Erkenntnis operationell umsetzen lässt, ließ sich damit nicht beantwortet.
Wir haben das Soziale Zentrum immer wieder anderen Gruppen und für Koordinierungstreffen zur Verfügung gestellt. Zu einem kontinuierlichen Austausch, einer Zusammenarbeit oder gar einer Vernetzung ist es aber noch nicht einmal in den Fällen gekommen, bei denen es thematisch sehr naheliegend war. Zu einem Ort des Austauschs, der Reflexion ist das Soziale Zentrum nie geworden.
Letztlich haben wir uns mit dem Sozialen Zentrum genauso von den sozialen Bewegungsformen abgekoppelt wie dies andere Gruppen auch gemacht haben. Während die meisten Menschen, die bei den Demos gegen den Sozialabbau mitgemacht haben, sich von der Strasse und aus der Bewegung zurückgezogen und sich nicht auf politische Institutionalisierungsprozesse eingelassen haben, haben wir versucht das vermeintliche Ende der Bewegung durch einen Institutionalisierungsprozess aus unserem Blickfeld zu vertreiben.
Wir haben zu lange ignoriert, dass die Bewegung offensichtlich unsere Räume nicht braucht und vielleicht auch gar keine Räume gebraucht hat, weil Räume gleichbedeutend mit Immobilität sind und damit die Handlungs- und Gedankenspielräume und ebenso die Möglichkeit von Angriff und Flucht begrenzen.
Und in dem gleichem Maße, in dem nun die Sache "Soziales Zentrum" ins Zentrum unserer Aktivitäten rückte, waren wir immer mehr auf das Beharren und das Sichern des scheinbar Erreichten ausgerichtet. Anstatt uns bspw. mit den sich entwickelnden informellen Widerstandsformen auseinander zu setzen - so nimmt bspw. das Mietnomadentum immer weiter zu und jüngste Untersuchungen bestätigen, dass die Jobcenter für die SachbearbeiterInnen immer gefährlicher werden - und eine darauf zielende politische Praxis zu entwickeln, haben wir den Fehler gemacht, unsere politischen Einschätzungen zu schnell in Formen zu gießen und schließlich konnten wir mit der Wirklichkeit nicht mehr konstruktiv umgehen.
Wir haben im Sozialen Zentrum sehr vieles Richtiges und sehr vieles Gutes gemacht. Aber nicht das was klappt, ist das worauf es letztlich ankommt. Worauf es ankommt ist, ob dass, was wir machen, von uns politisch vertreten und gestaltet werden kann. Unser Ziel war nicht irgendeine Praxis, sondern eine sozialemanzipatorische Praxis. Und obwohl wir dieses Ziel nicht wirklich aus den Augen verloren haben, ist es uns aus den Händen geglitten und im Alltagsgeschäft verloren gegangen. Nicht das Ziel haben wir verloren, sondern die Praxis, die uns diesem Ziel näher bringt. Und diese gilt es wieder zu entwickeln.
Ein weiteres Festhalten an der Immobilie Soziales Zentrum hätte bedeutet, dass wir noch mehr Zeit und Energie in die Kohlebeschaffung hätten stecken müssen. Damit wären wir nie aus der Institutionalisierungsfalle rausgekommen. Die Auflösung des Soziales Zentrum war daher die einzige Möglichkeit.

Wie weiter?
Das Soziale Zentrum ist mittlerweile nicht mehr existent. Dies betrifft auch die Beratungsarbeit, die wir ebenfalls eingestellt haben - wir wollten ja nie ein alternatives oder linksradikales Beratungszentrum werden.
Auch werden wir den Namen Soziales Zentrum in Zukunft nicht mehr benutzen. Der Begriff sollte für eine Sache stehen und nicht von uns okkupiert werden. Wenn in Göttingen zukünftig nochmals eine Initiative für ein Soziales Zentrum entsteht, soll dies nicht durch Vergangenes erschwert werden. Wir haben das Soziale Zentrum beendet und legen damit auch den Namen ab.
Als Gruppe werden wir den begonnen Prozess einer Neubestimmung unserer Politik weitergehen und uns sicherlich in absehbarer Zeit wieder bemerkbar machen. Mit Sicherheit werden wir uns aber zur Neubestimmung nicht ins "stille Kämmerlein" oder an den Schreibtisch zurückziehen. Die Entwicklung einer sozialemanzipatorischen linken Politik ist keine Theoriearbeit, sondern kann nur als Praxisprojekt ernst genommen werden.


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